UND WER SAGT DAS…?

„Kunst findet eigentlich nur in Museen und bei den Leuten statt, die genug Geld haben, um in dem Geschäft mitzuspielen. Das ist ein kleiner Kreis, der unter sich bleiben möchte und sich mit der Kunst und dem Wissen um Kunst von den angeblich Unwissenden abheben will. Wir hingegen demokratisieren die Kunst und liefern sie frei Haus direkt ins Wohnzimmer.

(Marcus Kreiss)

Souvenirs from Earth

Videokunst für die Massen

Videokunst ist das ungeliebte Kind des Kunstmarkts. Zwar machen die flimmernden Streifen auf Ausstellungen eine verdammt gute Figur, dennoch ist es fast durchweg ihr Schicksal danach für immer in den Archiven zu verschwinden. Zu technisch aufwendig ist die Handhabung, Pflege und Archivierung und zu wenig Gewinn bringend ihr Ankauf als Anlageobjekt für Sammler. Der in Paris lebende Hamburger Künstler Marcus Kreiss hat es sich mit seinem Fernsehsender Souvenirs from Earth zur Aufgabe gemacht, längst verloren geglaubte alte und neue Schätze der Videokunst aus ihrem Nischendasein zu erlösen und direkt in die Wohnzimmer der Nation zu senden. Wie genau das funktioniert, erzählt er im Interview.

www.souvenirsfromearth.tv

Hallo Marcus, bevor wir zu Souvenirs from Earth kommen, lass uns doch kurz über deinen Werdegang sprechen. Du hast ganz klassisch an der Filmhochschule studiert. Wie kommt es, dass du heute keine großen Filme machst?

Ja, ich habe an den Filmhochschulen in Rom und Aix-en-Provence studiert. Warum ich heute nicht als Regisseur oder so unterwegs bin? Ich habe während des Studiums erlebt, wie meine Kommilitonen jahrelang an der Finanzierung ihrer Filmprojekte herumdoktern mussten. Wenn die Finanzierung dann endlich stand, war die Idee überhaupt nicht mehr frisch und man hatte schon ganz andere Projekte im Kopf. So ein Film ist ja ein unglaublich großes Unterfangen und benötigt wahnsinnig viel Vorlauf. Mir wurde also ziemlich schnell klar, dass ich die Dinge vereinfachen will. Natürlich wollte ich Filme machen, aber dabei mit der Spontanität eines Malers ans Werk gehen. Irgendwann habe ich bemerkt, dass mich das gängige Filmformat eigentlich überhaupt nicht mehr interessiert. Diese zwei Stunden, in denen die Zuschauer in einem dunklen Raum sitzen und alles um sich herum vergessen waren ab den neunziger Jahren für mich nicht mehr zeitgemäß. Ich glaube, das klassische Kino ist einfach tot, das hat sich totgelaufen und da passiert auch nicht mehr viel. In den sechziger und siebziger Jahren war Kino großartig und deshalb habe ich ja auch angefangen Film zu studieren, aber heute ist das eine Industrie für Kinder und nicht für Erwachsene. Wenn man allerdings das Format ändert, kann man wieder Neuland erschaffen. Ich war also gelangweilt von Film und habe mich eher mit Malerei beschäftigt und irgendwann kam dann alles zusammen und Souvenirs from Earth entstand….

Das war 2006, oder? Was genau ist Souveniers from Earth?

Souveniers from Earth ist ein Fernsehsender für Videokunst, der über Kabel zu empfangen ist. Heute hängt in jeder Wohnung ein Flachbildschirm an der Wand und die Idee ist es den Screen, statt mit irgendwelchen Spielfilmen oder Serien, mit Videokunst zu füllen. Eines Bildes statt sozusagen. Ich nenne das Videopainting. Wir zeigen Filme, die keine Story erzählen und auch der Ton ist optional. Das ist ein wirklich neues Format, wo es noch alles zu erfinden gibt. Ich habe eine Weile als VJ in Clubs und auf Festivals gearbeitet und brauchte da natürlich immer schnell Filmmaterial, mit dem ich arbeiten konnte, und da habe ich bemerkt, wie wahnsinnig viel interessante Videokunst da im Verborgenen schlummert. Teile der Videos aus Souveniers from Earth stammen übrigens noch aus dieser Zeit. Die Idee, damit was zu machen, war schnell da, die Frage, wie ich das jetzt alles am Besten verkaufe konnte ich damals aber noch nicht beantworten. Klar war lediglich, dass ich das Projekt nicht über den Kunstbetrieb laufen lassen wollte. Erstens weiß ich ja, dass es nur wenig Geld für Videokunst gibt, weil der Kunstmarkt die Videokunst wegen des Fehlens des Unikatfaktors nicht mag, und zweitens mag ich den Kunstmarkt selbst auch nicht. Mir ist das alles zu elitär und ich möchte mehr Leute ansprechen als nur ein paar Kunstmarkttypen. Die Idee, einen eigenen Sender aufzumachen, stand da ziemlich schnell im Raum.

Zu der Zeit waren Flachbildschirme aber noch nicht so weit verbreitet wie heute…

Die Idee hinter dem Sender ist eigentlich sogar noch älter und geht zurück bis in die Mitte der neunziger Jahre. Da waren die Fernsehgeräte noch dicke analoge Kisten und man hat mit VHS-Tapes gearbeitet, weil es die DVD noch gar nicht gab. Ich weiß noch, dass wir irgendwann 1998 einen Ausflug zu jemandem unternommen haben, der einen großen Flatscreen hatte nur um mal zu sehen wie der aussieht und funktioniert und um ein bisschen herumzutesten. Dabei war der Bildschirm im Gegensatz zu den heutigen Modellen überhaupt nicht flach. Das heißt, dass ich mit meiner Idee der Technik ordentlich voraus war, denn erst heute, wo überall Flachbildschirme hängen, ist es wirklich möglich, die Souveniers from Earth-Idee richtig umzusetzen. Wir kommen also von weit her.

Der Fernseher als Bild an der Wand hat also auch viel mit der technischen Entwicklung zu tun?

Ja klar, die dicken Boxen, die es damals noch gab, spielten eine ganz andere Rolle im Haushalt als die Bildschirme heute.  Früher war das so ein Schiff im Wohnzimmer, während der moderne Screen ja eher wie ein Bilderrahmen an der Wand hängt. Die entscheidende Frage hinter dem Projekt lautete: ‚Wie kommt die Kunst zu den Leuten?’. Souveniers from Earth richtet sich an viel mehr Leute als Kunst das normalerweise tut. Kunst findet eigentlich nur in Museen und bei den Leuten statt, die genug Geld haben, um in dem Geschäft mitzuspielen. Das ist ein kleiner Kreis, der unter sich bleiben möchte und sich mit der Kunst und dem Wissen um Kunst von den angeblich Unwissenden abheben will. Wir hingehen demokratisieren die Kunst und liefern sie frei Haus direkt ins Wohnzimmer – und da ist der Fernseher ein wunderbares Instrument.

Videokunst hatte ja in den Anfängen von MTV und VIVA eine relativ breite wenngleich natürlich auch durchkommerzialisierte Plattform. Die Sender führen heute nur noch ein Nischendasein und die Ästhetik der Videos gehört längst zum Alltagsdesign. Hat sich das Thema damit nicht eigentlich erledigt?

MTV hat sich erledigt, weil sich das Businessmodell überholt hat. Die MTV-Generation hat irgendwann Kinder bekommen und da war Musikfernsehen einfach nicht mehr wichtig. Gute Videokunst hingegen hat nach wie vor ihre Relevanz. Museen und Kunstinstitutionen sind nicht die richtigen Orte um ‚time based Art’ zu präsentieren. Kaum jemand hat Zeit 40 Minuten in einer unbelüfteten Black Box zu verbringen und wenn dann noch mehrere Filme gezeigt werden stößt diese Form der Kunstpräsentation schnell an ihre Grenzen. im Wohnzimmer dagegen gibt es fast unendlich viel zeit… . Wir haben die Möglichkeit, Filme einer großen Masse an Leuten vorzustellen, die vielleicht irgendwann ein Riesenerfolg auf einer Ausstellung waren aber seitdem in den Archiven verstauben. Wir machen das Material wieder lebendig, und die Künstler, mittlerweile mehr als 1.000, arbeiten nicht zuletzt deshalb gerne mit uns zusammen. Im Grunde genommen sind wir ein Riesenmuseum…

Wer schaut zu bei Souveniers from Earth?

Leute aus allen möglichen sozialen Klassen. Das mittlere Alter ist ungefähr 24 Jahre. Ältere Leuten nutzen meistens nur die ersten neun Sender auf ihrer Fernbedienung. Die Jüngeren sind da neugieriger und interessierter und zappen auch mal ein ganzes Stück weiter. Das Programm läuft auch viel auf Partys. Hinzu kommen jede Menge Fans, die den Sender fest in ihr Leben integriert haben und ihn so nutzen wie wir das ursprünglich angedacht hatten. Derzeit schauen rund 11.000 Leute täglich mindestens eine Stunde lang bei Souveniers from Earth vorbei.

Die Filme laufen möglicherweise als Untermalung des Alltags. Ist das okay für dich, oder würdest du dir da eine tiefere Auseinandersetzung seitens der Zuschauer wünschen?

Die Auseinandersetzung findet doch spätestens dann statt, wenn die Zuschauer einen Film sehen, den sie wirklich gut finden. Ansonsten ist die Kunst als schmückendes Beiwerk des Alltags wohl der Preis, den wir bezahlen müssen, wenn wir populär sein und am Leben teilhaben wollen. Das ist die beste Möglichkeit, Filme ins Leben zu integrieren. Wenn man Kino macht, kann man den Leuten ja auch nicht verbieten, irgendetwas anderes zu machen, als auf die Leinwand zu schauen…

…Popkorn essen zum Beispiel…

…ja oder rumknutschen. Es gab diese Diskussionen unter Installationskünstlern. Die wollten eine einhundertprozentige Kontrolle über das, was auf Ausstellungen und Aktionen passiert. Damit wurde jede Menge grauenhafter Kunst künstlich hochwertig aufgeladen. Unsere Filme müssen dem täglichen Leben standhalten. Unser Programm ist natürlich kuratiert, aber auch ein Mix und nicht stringent wie im Museum. Wir haben nicht diesen Kunstbegriff, diese Deutungshoheit drauf. Nam June Paik hat gesagt ‚Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert, jetzt schlagen wir zurück“ und das ist das, was wir machen. Ich habe den Sender vor einer Weile auf einer Konferenz einigen Nam June Paik Schülern vorgestellt und die haben mir das auch bestätigt. Wir sind kunsthistorisch also bestens abgesichert.

Stichwort Kuratieren. Nimmt das nicht wahnsinnig viel Zeit in Anspruch die ganzen Filme zu sichten und mit den Künstlern in Kontakt zu treten…

Natürlich, und dafür haben wir seit mittlerweile zehn Jahren einen hauptamtlichen Kurator. Richtig schwierig ist auch die Archivierung. Wir kopieren jeden Film auf drei Festplatten. Viele Künstler sind sich der Problematiken im Umgang mit digitalen Daten ja gar nicht bewusst. Festplatten gehen kaputt und mit einem falschen Klick ist das aufwendig produzierte Kunstwerk möglicherweise für immer verschwunden. Für uns ist das mittlerweile ja Alltag. Wir haben viele Filme digitalisiert und so vor dem Zerfall und dem Vergessen gerettet, darunter das Gesamtwerk von Harun Farocki. Kein Museum hat sich jemals daran gemacht und das ist echt erschreckend. Die haben diese sündhaft teuren Beta-Player rumstehen und niemand kommt auf die Idee, die ganzen Filme zu digitalisieren…

Das heißt, du bist wahrscheinlich häufig viel mehr mit der Technik als mit der Kunst konfrontiert…

Ja, auf jeden Fall, und das wo ich es eigentlich hasse am Computer zu sitzen. Technisch ändert sich ja immer etwas, und man muss ständig auf dem Laufenden bleiben. Ich sehe die Zukunft von Souveniers from Earth ja auch eher im Internet. Ich meine, Kabelabos haben ja heute nur noch Rentner oder irgendwelche anderen historischen Typen. Solche Sender wie der unsrige werden in ein paar Jahren nur noch Online zu sehen sein. Wir planen in Zukunft eine Set-Top Box, ähnlich wie zum Beispiel Apple-TV oder so. Die kann beispielsweise in Museumsshops verkauft werden. Wir wollen das dann weltweit vertreiben. Zusätzlich wollen wir eine interaktive App an den Start bringen, die weitere Informationen zum Programmcontent anbietet. Infos zu den Künstlern, zu Ausstellungen etc. Das macht das Senderkonzept dann wirklich rund.

Viel Glück dabei und danke für das Gespräch.