„Und auch zu lernen,
wie man sich vor Rollen schützen kann.
Als feinsinnige, sensible Person,
würde ich sonst in den Gefühlen meiner Figuren ertrinken.“

 

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Photo Credit © Bernd Ott // Metallic Leather Shirt: Marina Hoermanseder
 // Gloves: Silke Debler

Kim Riedle,
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KIM RIEDLE, 1982, SCHAUSPIELERIN, ERHIELT FÜR IHRE LEISTUNG IM KINOFILM „BACK FOR GOOD“ DEN STUDIO HAMBURG NACHWUCHSPREIS IN DER KATEGORIE „BESTER FILM“, DEN „NACHWUCHSDARSTELLERPREIS“ AUF DEM FILMKUNSTFEST MV FESTIVAL UND EINE NOMINIERUNG ALS BESTE SCHAUSPIELERIN IN EINER HAUPTROLLE BEIM DEUTSCHEN SCHAUSPIELPREIS 2017. VOM PANTOFFELKINO IN DEN FILMPALAST. DIE QUADRATUR DER LEINWAND.

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Photo Credit © Bernd Ott // Jacket & Shirt: Brachmann // Skirt: Mango // Socks: ITEM MG // Shoes: Melvin & Hamilton


Fr. Riedle, in Ihrem Beruf hat man ein ganz besonderes Verhältnis zu seinem Smartphone. Bei jedem Klingeln könnte es ja Hollywood sein!?
   Ja, klar. Und ich träume am liebsten, dass es Wes Anderson ist, der am anderen Ende der Leitung wartet. Wahlweise auch Andrea Arnold, Jane Campion, Paul Thomas Anderson, Bennett Miller, Lana Wachowski oder die Coen-Brüder.

Was spielt in Ihrem Leben die Hauptrolle?
   Liebe!

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Photo Credit © Bernd Ott // Jacket & Shirt: Brachmann // Skirt: Mango Socks : ITEM MG // Shoes: Melvin & Hamilton


Robert de Niro futterte sich mal 27 Kilo an, um der Rolle als Boxer Jake LaMotta im Film „Raging Bull“ noch mehr Gewicht zu geben. Manchmal erfordert Ihr Beruf auch rein körperliche Überwindung oder Mut zur Hässlichkeit. Wie erschaffen Sie die notwendige Authentizität einer Rolle?
   Ich finde es toll. Wenn eine Rolle so etwas verlangt. Dass ich mich körperlich verändern muss und ich buchstäblich in eine andere Haut schlüpfe. Doch Mut zur Hässlichkeit gibt es nicht, weil es zur Hässlichkeit keinen Mut braucht. Klar, zum Schauspielen braucht es generell Mut, da man ständig Risiken eingeht und scheitern kann. In dem Film „Back For Good“ spiele ich Angie. In deren Welt und Bewusstsein zählt, dass das Äußere, die Hülle perfekt sein muss. Ich habe mir dafür die langen Haare blondiert. Ich habe Gel-Nägel getragen. Ich bin ein Mal die Woche zum Spray-Tanning gegangen. Zudem habe ich Kickboxen trainiert und jede Menge Fitness gemacht. Für Angie waren das ihre perfekten Maßnahmen. Ein Schutz, wie eine Rüstung oder Panzer, für ihr verletzliches Inneres.

Kann man Schauspielen wirklich lernen, wie Lesen, Schreiben und Rechnen? Die Berufsgruppe der Schauspieler/Innen drittelt sich in die, die eine bzw. keine Schauspielschule besuchten und die, die abgebrochen haben. Was hat Ihnen der Besuch einer Schauspielschule gebracht?
   Ich habe drei Jahre lang eine private Schauspielschule besucht, danach noch viel Schauspielunterricht genommen und mit verschiedenen Coaches gearbeitet. Ich mache das heute immer wieder zwischen Drehs, um fit zu bleiben. Es ist ein Work-out. So wie ein Musiker immer wieder die Tonleiter übt. Da ich das Schauspielen so liebe, ist Lernen hier, anders als früher im Matheunterricht, ein Fest. Dazu gehört auch die Arbeit mit dem Körper und der Stimme. Und auch zu lernen, wie man sich vor Rollen schützen kann. Als feinsinnige, sensible Person, würde ich sonst in den Gefühlen meiner Figuren ertrinken.

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Photo Credit © Bernd Ott // Coat & Dress: Brachmann // Pullunder 22/4 Hommes Femmes


Ist jemand tätowiert, wird er oft aufgefordert, sein Tattoo zu zeigen. Und Schauspielerinnen möchte man auf Befehl weinen sehen. Als wäre das der ultimative Beweis fürs Können. Ist Ihnen das schon oft passiert?
   Ja! Und es ist kompletter Blödsinn! Ich kann nicht auf Knopfdruck weinen. Und will es auch gar nicht können. Das ist völlig uninteressant. Schauspielen ist nicht „so tun als ob“. Höchstens bis zu einem gewissen Grad. Nur Lügen darf man nicht, weil es geht um Authentizität und Ehrlichkeit.

Ein bisschen Theater machen, macht jeder. Aber ist das Schauspiel? Setzen Sie Ihr schauspielerisches Talent auch privat ein?
   Nein. Zumindest nicht bewusst. Da versuche ich immer ich und ganz bei mir zu sein. Das Schauspielen hat mich etwas fürs Privatleben gelehrt: wirklich gut zuhören, genau beobachten. Und es tut gut, das Leben auch mal spielerisch zu sehen und sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen.

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Photo Credit © Bernd Ott // Dress: Ivy & Oak // Boots: Mai Piu Senza // Necklace: Vibe Harslof


Man konnte Sie in „Tatort“, „SOKO Köln“ oder „Die Rosenheim-Cops“ sehen. Längere Zeit wirkten Sie auch Mo. – Fr. in der ARD TV-Serie „Verbotene Liebe“ mit. Von Kritikern wird die Arbeit bei einer Daily-Soap oft belächelt. Zu Unrecht?
   Ich war acht Monate bei „Verbotene Liebe“. Durch das enorme Drehpensum habe ich gelernt loszulassen und auch den inneren Kritiker leise zu stellen. Es fehlt an Zeit und Kraft zur Selbstzerfleischung, wenn man eine Szene nicht so gespielt hat wie man wollte. Dafür wird der Umgang mit der Kamera schnell zur Selbstverständlichkeit, was einem mehr Freiheit beim Spielen ermöglicht. Da hatte ich jetzt auch keine Angst vor einer Kinohauptrolle mit nur 31 Drehtagen. Und in jeder Szene spiele ich mit. Ich wusste, ich schaffe das!

Wie gehen Sie mit Kritik um?
   Ich habe in meiner Jugend getanzt und im Ballettunterricht früh gelernt, dass konstruktive Kritik mich besser macht. Die ist also wichtig. Natürlich will mein Ego, dass ich alles kann und perfekt bin. Doch Perfektion lässt sich in der Kunst nie erreichen. Trotzdem kann Kritik auch wehtun. Das ist okay. Ich bin meine eigene größte Kritikerin.

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Photo Credit © Bernd Ott // Pants & Blouse: Brachmann // Shoes: Zign


In dem Kinofilm „Back For Good“ spielen Sie eine Frau, die tief im C-Promi-Pool und Drogensumpf eingetaucht ist und plötzlich wegen der Familiensituation mit Mutter und Schwester ganz andere Probleme bekommt. War der Stoff ein gefundenes Fressen für Sie?
   Ja! Angie ist so eine Rolle. Darauf hofft und wartet man als Schauspielerin. Ich dachte schon beim Lesen des Drehbuchs, wow, die glückliche Kollegin, die das spielen darf. Ich dachte, man würde die Rolle mit einem größeren Namen besetzen. Angie ist eine facettenreiche und tiefe Figur. Eine Kämpferin, eine unkonventionelle Anti-Heldin. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich als Schauspielerin endlich mal richtig zeigen darf und gesehen werde.

Um einmal Theodor W. Adorno und John Lennon, falsch zu zitieren: „Es gibt ein reales Leben im künstlichen“  bzw. „Leben ist das, was passiert, während die Scheinwerfer aus sind“. Ist das die Botschaft des Films?
   Das ist eine der Botschaften. Am Anfang sieht man ja nur eine zu stark geschminkte Tussi in knappen Outfits, die scheinbar ihre Seele verkauft, um im Scheinwerferlicht zu stehen. Dann blickt man hinter die Fassade. Und erkennt eine Welt, in der wir uns mehr oder weniger alle bewegen. Eine Welt, die Liebe mit „likes“ verwechselt. Und wo viele darum kämpfen müssen, sich und ihren Platz im Leben zu finden.

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Photo Credit © Bernd Ott // Coat: Dimitri // Top: Pugnat


Wie war es, das erste Mal den Film mit Publikum im Kino zu sehen?
   Sehr aufregend, ein Erlebnis. Das war auf der diesjährigen Berlinale, der Film eröffnete die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Es war spannend mitzuerleben wie das Publikum den Film aufnimmt. An welcher Stelle lachen sie? Gehen sie mit auf die Reise? Gut, dass unser Filmteam und meine engsten Freunde an dem Abend dabei waren. Das war wunderbar. Ich war sehr gerührt.

Vom heimischen Fußboden auf den blauen Teppich beim Deutschen Schauspielpreis Berlin 2017. Sie waren nominiert in der Kategorie „beste Schauspielerin in einer Hauptrolle“, zusammen mit Martina Gedeck und Jutta Hoffmann. Den Preis bekam Jutta Hoffmann. Tröstet Sie der olympische Gedanke?
   Da muss ich schmunzeln. Ja, natürlich tut er das! Es ist der Wahnsinn, neben zwei solchen Größen nominiert zu sein. Da war ich ja der totale Underdog im Rennen. Aber wer weiß, maybe next time…

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Photo Credit © Bernd Ott // Pants & Blouse: Brachmann // Shoes: Zign


Es gibt keine Geschlechtergerechtigkeit im Filmgeschäft. Ein Fazit alt wie der Stummfilm. Hollywood findet Feminismus gerade chic, doch wer weiß, wie nachhaltig das ist. In Deutschland gibt es die Gruppierung Pro Quote Regie, die Druck auf die Politik macht. „Back For Good“ hatte ja mit Mia Spengler eine Regisseurin. Außerdem eine Kostümdesignerin, zwei Drehbuchautorinnen und zwei Produzentinnen. Wie sehen Sie die Zukunft von Frauen im deutschen Film?
   Ich bin Feministin. Ich will miterleben und mit gestalten, dass Frauen und Männer gleiche Chancen haben. Ich wünsche mir viel mehr Filme und Drehbücher mit richtigen, starken Frauenrollen. Also echte Frauen, die ihre eigene komplexe Persönlichkeit und Agenda haben. Gleich viele Frauen wie Männer in allen Departments beim Film. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Es ist mir ein großes Anliegen und ich kämpfe dafür, dass wir dort hinkommen. Weil Kunst eine Gesellschaft entscheidend prägen und verändern kann. Weil es so was von an der Zeit ist! „How important it is for us to recognize and celebrate our heroes and she-roes!“ — Maya Angelou.

Fr. Riedle, mögen Sie eigentlich Take That?
   Damals war ich ein Punk Rock Kid. Ich hatte lila Haare, trug Springerstiefel und hörte Nirvana. Da fand ich Boygroups uncool. Aber diesen einen Song von ihnen, den mag ich…

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Photo Credit © Bernd Ott // Dress: Ivy & Oak // Boots: Mai Piu Senza // Necklace: Vibe Harslof


Kim Riedle,
TOP 5 SPIELZEUGE

1) Mein imaginäres Raumschiff — mit ca. sieben Jahren wurde mein Bett ein Raumschiff, wenn ich nicht schlafen konnte. Das konnte Lichtgeschwindigkeit und auf Knopfdruck Pfannkuchen machen!
2) „Die drei ??? und der Superpapagei“ (Hörspiel auf Kassette)
3) Meine Darth Vader Maske
4) „Video Games“ von Lana del Rey
5a) „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams
5b) Mein Toyboy  ;-))

Kim Riedle,
PS

Der Film „Back For Good“ erhielt gerade zwei Preise beim Filmfest in Biberach. Am 29. März 2018 kommt er in die deutschen Kinos.

 

Styling & Fashion Editor // Sabine Berlipp // blossommanagement.de
Hair & Make-Up // Alana Holmes // basics.berlin
Assistent Photographer // Kathrin Leisch