UND WER SAGT DAS…?

„Heute Morgen machte ich zehn Minuten Kopfstand. Früher dachte ich: Yoga – was ist denn das für ein Scheiß?

(JUERGEN TELLER)

Juergen Teller ist einer der gefragtesten Fotografen der Gegenwart.  Seine Modekampagnen liefern Gesprächsstoff, wenn er Celebrities fotografiert, bittet er sie auch schon mal nackt vor die Kamera. Seine Bilder sind klar, direkt und nicht geschönt. Seine Bildsprache ist humorvoll. Seit mehr als 30 Jahren lebt er in London, seinen Durchbruch hatte er 1991 mit Bildern von der Band Nirvana, die über Nacht weltberühmt wurde.

Während er in Bonn seine Ausstellung Enjoy your Life aufbaute, sprache er mit  Salve über seinen neuen, gesunden Lebensstil. Der Exzess findet in seinem Leben nicht mehr statt, Yoga dafür umso mehr.

Herr Teller, Sie sehen frisch und gesund aus. Was ist passiert, der Zustand war schon mal anders. Es gibt zig Selbstporträts von Ihnen mit Bierflasche in der Hand, fahlem Teint und  Hüftspeck?

Ich habe tatsächlich mein Leben geändert. Im Februar 2015 machte ich eine zehntägige F.X-Mayr-Kur. Seither mache ich vier, fünf Mal die Woche Yoga. Heute Morgen machte ich zehn Minuten Kopfstand. Früher dachte ich: Yoga – was ist das denn für ein Scheiß?

Es gibt Interviews mit Ihnen, da ist von zwei Flaschen Wein die Rede, und wenn die geleert waren, kam der Schnaps auf den Tisch. War die Mayr-Kur auch eine Entziehungskur?

Es wird ja immer übertrieben in den Zeitungen, so war das auch nicht, manchmal trinkt man halt mehr, aber natürlich nicht immer.  Nein, das war kein Rehab, kein Entzug. Ich wollte das schon immer mal machen, habe es aber nie geschafft, da hin zu gehen, man braucht ja zehn Tage mindestens. Die habe ich nie. Aber dann tat sich überraschend eine Lücke auf. Im Februar ist bei mir eher eine ruhige Zeit, wenige  Shootings, wenige  Produktionen. Meine Kinder konnten überraschend mit unserem Kindermädchen und deren Familie zum Skifahren, meine Frau hatte in LA zu tun und sie sagte: Geh’ Du mal in die Mayr-Klinik.

War das Ziel gesund werden, oder Abstand vom exzessiven Lebensstil?

Ausschlaggebend waren die Weihnachts-Feierlichkeiten davor. Eine stressige Zeit damals. Business-Dinners, Business-Partys, Studio-Weihnachtsfeier. Das Fest mit der Familie und Großfamilie, essen und trinken rund um die Uhr tagelang, ob man will oder nicht. Und wenn man schon nicht mehr kann, isst man doch noch den Kuchen von der Schwiegermutter. Als dann klar war, dass es mit der Kur klappt, habe ich einen Monat davor schon ein bisschen reduziert. Von 20 oder 30 Zigaretten am Tag runter zu kommen, weniger Kaffee zu trinken, keinen Alkohol mehr. Damit der Körper nicht den totalen Schock bekommt. Ich wollte raus aus dieser Mühle. Ziel: offen.

Und was ist dort passiert, außer Darmreinigung und Einspeicheln trockener Brötchen?

Es war deshalb großartig, weil ich nach 20, 25 Jahren mal wieder Zeit hatte, nachzudenken und mich ganz auf mich zu konzentrieren. Im normalen Leben bin ich ja die ganze Zeit beschäftigt. Mit meiner Arbeit, meinen Kindern, meiner Frau. Da ist ja immer was los mit einer großen Familie.  Aus dem Studio wussten nur die engsten Mitarbeiter, dass ich überhaupt weg bin. Ich hab noch nicht mal Emails gecheckt. Jeden zweiten Tag machte ich mal das Telefon an, habe mit meiner Frau und den Kindern telefoniert, und das war’s. Funkstille auf Deutsch. Es war wirklich erstaunlich, wie gut mir das tat. Den Zustand kannte ich gar nicht mehr. Gerade versuche ich die Ausstellung aufzubauen und kämpfe abends dann noch mit 50 Emails.

Und jetzt? Nur noch Yoga und Kräutertee?

Na ja, nach mehr als einem Jahr habe ich jetzt schon wieder angefangen, ein bisschen Alkohol zu trinken, aber eben nicht mehr so wie damals, jeden Tag, viel zu viel. Wenn ich heute mal was trinke, dann lasse ich es danach aber auch wieder für einen Monat sein. Bei mir gab’s immer nur: alles oder nichts. In der Kur stand ich um halb sieben auf und machte erst mal eine halbe Stunde Gymnastik oder Yoga. Heute weiß ich, wie gut mir das tut, für Körper und Geist. Zweimal die Woche kommt eine Yogalehrerin in mein Studio, die Leute aus meinem Office machen mit. Ansonsten spiele ich Fußball mit meinem Sohn und Tennis. Da bleibt viel Platz, den früher der Rausch eingenommen hat. Wie vorher gesagt, es war wirklich nicht so schlimm, wie das jetzt da steht.

Gerade trinken Sie Kaffee schwarz und essen Mohnstreuselkuchen. Beim Kuchen ist es also geblieben?

Nein, das ist so typisch für Deutschland. Kaffee und Kuchen. In London trinke ich Tee. Seit der Kur habe ich meine Ernährung komplett verändert.

Sind Sie jetzt Vegetarier, womöglich Veganer?

Nicht so ganz. Wenn ich bei meiner Mutter in Mittelfranken bin, dann esse ich natürlich eine Bratwurst. Aber sonst: nie Fleisch, mal Fisch, selten Huhn. Wir kochen eigentlich nur noch vegetarisch. Und ich esse auch kein Brot mehr, keine Milchprodukte von der Kuh. Das bekommt mir alles sehr gut.

Ihre Berühmtheit erlangten Sie nicht nur durch markante Modekampagnen, sondern auch Nacktaufnahmen von Celebrities und ihnen selbst.  Ermutigte Sie der häufige  Rausch, Details wie Penis und Anus der Öffentlichkeit zu demonstrieren?

Nein.  Für mich ist das ganz normal.  Ich habe da wirklich kein Problem mit. Meine Frau oder mein Assistent, oder wer sonst so dabei ist, helfen immer. Dass ich mich selbst nackt fotografiere, fing damit an, dass mich interessierte, wie es sich anfühlt, wenn man von mir fotografiert wird. Und weil ich ja sehr in der Modewelt involviert bin, wollte ich das ganz pur machen. Mit jedem Stück Kleidung liefert man ein Statement. Ich wollte aber mit gar nichts in Verbindung gebracht  werden, mit keinem Jeans Label und keinem Helmut Lang Anzug.

War es schwierig, Vivienne Westwood zum Ausziehen zu überreden?

Ich kenne sie schon seit 25 Jahren. Ich machte ein Foto von ihr, ein normales, also sie in Kleidern. Als ich es ihr zeigte, sagte sie, es sei das sexieste Foto, das sie je gesehen hat.  Dann habe ich angefangen, ihre Modekampagnen zu fotografieren, wo sie oft mit drauf ist.  Ich dachte immer, sie sieht super aus mit ihrer irre weißen Haut und den orangefarbenen Haaren. Acht Jahre und 16 Kampagnen später, habe ich sie gefragt, ob sie sich ein Aktfoto vorstellen kann. Aus Neugierde.

Fotografieren Sie nur Celebrities nackt?

Sie war nicht die Erste auch nicht die Prominenteste, Kate Moss ist sicher bekannter. Ich habe tatsächlich gar kein Interesse, jeden nackt zu fotografieren.  Aber bestimmte Leute kann man fragen. Leute, die ich nicht kenne, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe, die würde ich niemals fragen, sich von mir nackt fotografieren zu lassen.

Was macht den Reiz aus, jemanden nackt zu fotografieren?

Im  Falle Westwood: Sie sieht unglaublich jung, elegant und kokettierend aus.  Damals habe ich gemerkt, dass mir die Hauttöne total liegen, von weiß bis braun, das Zusammenspiel von Muskeln und Fett. Das ist total spannend. Es ist das Kontrastprogramm zur Modefotografie,  bei der es immer auf die Inszenierung ankommt. Nackte Menschen zu fotografieren ist wie Wald zu fotografieren. Das ist was Natürliches, was Schönes. Außerdem mache ich Nacktfotos eigentlich ganz selten.

Und weil es so schön ist, so viele nackte Tatsachen von Ihnen selbst?

Die Veröffentlichung meiner nackten Selbstporträts war in vielerlei Hinsicht total hilfreich. Vor allem verlieren die Menschen ihre Scheu, weil sie wissen, der Fotograf macht das ja auch. Sie vertrauen mir.

Kitzelt es nicht extrem, nackt auf dem Rücken eines Esels?

Nein, es fühlt sich schön, warm und weich an. Gekitzelt hat da gar nichts.

Lieber Nacktfotografie oder glamouröse Modefotografie?

Ich fotografiere eigentlich alles gern. Ob es Speisen für ein italienisches Kochbuch sind, Wald, Menschen, Handtaschen. Mich interessiert grundsätzlich vieles. Aber wenn man sein ganzes Leben nur Wald oder nur Handtaschen fotografiert, dann wird beides langweilig. Außerdem verdiene ich ja auch Geld mit den Handtaschen.

Lieber Handtaschen oder Topmodels? Handtaschen haben immerhin keine Starallüren.

Meistens halten die Topmodels die Handtaschen in der Hand. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen, ich kenne solche Geschichten von Kollegen: Zu spät kommen, am Set nur Champagner, stilles Wasser der Marke xy, Make-up ausschließlich von…. Das passiert bei mir nie. Die wollen alle nur arbeiten. Ich arbeite nur mit professionellen Leuten, die ein gutes Resultat haben wollen. Die Schwierigkeit bei der Modefotografie liegt heute eher bei den Kunden, bei den Verbrauchern. Alles ist viel kommerzieller  geworden. Der chinesische Markt und der Mittlere Osten spielen  eine enorme Rolle für die Konzerne. Da  gibt es ganz andere Konventionen. Keine Frauen von hinten, keine Haut.

Durch die Digitalisierung hat sich noch mal alles geändert. Jeder retouchiert. Ich mach’ das nicht. Ich suche das schönste  Foto, fertig.

Ehrlich, kein Photoshop?

Ich wundere mich sogar, dass das immer noch funktioniert. Doppelseite Gesichtscreme, darunter steht, 100 Jahre jünger. Dann sieht man dieses Gesicht, erwiesener Maßen  zu Tode retouchiert, und ich denke, so schaut doch kein lebendiges Wesen aus. Das ist Betrug am Verbraucher. Aber wer soll eingreifen, die Ethikkommission? Bei Zigarettenwerbung steht doch auch drunter, dass Rauchen gesundheitsschädigend ist, und Schnaps wird nur an Erwachsene verkauft. Aber bei Gesichtscreme werden die Verbraucher gnadenlos verarscht.

Apropos Digitalisierung? Immer noch analog unterwegs? Oder sind Sie mittlerweile in die Moderne aufgebrochen?

Ja, aber ich kam wirklich spät dazu, stimmt schon. Aber die analoge Fotografie wurde immer schwieriger. Ich wurde immer unzufriedener mit dem Fotopapier. Die Emulsionen vom Kodakpapier wurden  immer schlechter. Das wurde mir einfach zu blöd. Denn ich hatte einen riesigen  Aufwand in der Dunkelkammer, fragte mich, what the fuck I’m doing here? Vor fünf Jahren habe ich das Kochbuch in Italien fotografiert, da habe ich mir im nächsten Fotoladen eine billige Digitalkamera gekauft  und: Es war viel besser. Viel näher dran. Richtig gut.

Das Interview führte Eva Reik

Coverphoto / Nicole Biesenbach