UND WER SAGT DAS…?

„Nach Oud kommt hoffentlich nie wieder Oud. Das ist das wichtigste, dass es endgültig verschwindet! Weiterhin soll es gerne in den arabischen Ländern vorkommen. Da kommt es her, da macht es Sinn. Es ist einfach wahnsinnig stark und riecht nach altem vergammelten Holz.

(Geza Schön)

 

Ein schickes Loft in Kreuzberg. Panoramafenster, Panoramablick. Auf der Dachterrasse treiben die Bäume aus, die Sonne knallt auf den langen Esstisch. Ein paar Blumen, kreatives Durcheinander, gemütliche Loungekissen, Holzscheite, an die Wände gelehnte Kunstwerke, ein Duft von….Wald?

Wonach riecht es hier eigentlich, Herr Schön?

Gute Frage, ich würde sagen, es handelt sich um ein Gesamtgemisch. Ich arbeite hier, ich wohne hier, abends wird hier gekocht, im Winter ist der Kamin an. Gerade scheint die Sonne aufs Parkett, dann erwärmt sich das Holz, dann verflüchtigen sich die ätherischen Öle. Also ist der Eindruck Holz vielleicht gar nicht verkehrt.

Aber die nadelige, frische Komponente?

Das muss dann wohl Parfum sein im Gesamtgemisch. Da hinten ist mein Labor, wenn die Tür aufgeht, zieht eine fette Schwade raus. Und gelegentlich sprüh ich auch mal irgendwas, das vermischt sich dann.

Also zünden Sie keine Duftkerzen an?

Ich brenne selber keine ab. Das muss auch jeder verstehen. Ich kreiere ständig Parfümöle für Kunden, ich arbeite jeden Tag mit Duft. Ich finde es gut, wenn es hier nach gar nichts riecht. Nach Zwiebeln und Gewürzen vielleicht, weil wir gern damit kochen. Aber offenbar riecht es noch nicht mal danach.

Glauben Sie, dass Kerzenduft eine Wohnung angenehmer macht oder als Geruchsfresser Wirkung zeigt, um den schlechten Dunst neutralisieren?

Bei der Neutralisierungs-Geschichte ist vor allem das Marketing glaubhaft. Denn ultimativ gibt es nicht wirklich Riechstoffe oder andere Chemikalien, die der Luft die schlechten Moleküle entziehen können. Eigentlich kann sich das ja jeder selber denken, dass das nicht geht.  Aber die Menschen lassen sich eben gerne einlullen. Das Prinzip einer jeden Kerze oder Duftlampe ist, dass sie den Massengeruch überlagern. Das Schlechte wird maskiert. Ob und wie das funktioniert, hängt davon ab, wie schwer der Geruch riecht, den es zu überlagern gilt.

Deshalb riecht der Orient nach schweren Hölzern und Indien nach Patschuli?

Dort riecht es vor allem so, weil viele der Gerüche daher kommen. Dass die Menschen dort den heftigen Geruch zur Beduftung ihrer Umgebung einsetzen, hängt damit zusammen, weil sie so dermaßen krass essen. Sie müssen so krasse Düfte tragen, damit sie nicht mehr so sehr nach Gewürzen müffeln. Nirgendwo auf der Welt werden so viele Zwiebeln gegessen wie in Indien. Plus Curry, plus Knoblauch und all die anderen starken Kräuter undGewürze. Und es gibt nun mal die ganz einfache Regel:  Alles was du rein tust, kommt auch wieder raus. Es wird  durch jeden Kanal ausgedünstet, durch die Haut besonders. Deshalb stinkt man auch irgendwann, wenn man sich so ernährt.  Und das muss dann übertüncht werden, mit allem was stark ist und lange haftet. Zum Glück ernähren wir uns hier nicht derart.

Mal angenommen ich würde total stinken, zu was muss ich greifen?

Zu etwas, was stärker ist als das, was du ausdünstest. Wenn du 20 Knoblauchzehen gegessen hast, kannst du es vergessen, dann stinkst du halt. Also nimm etwas, was strahlt und lange haftet.

Und deshalb riecht es in fast jeder Boutique und in jedem besseren Hotel nach Parfum, um den menschlichen Geruch zu übertünchen?

Nein, das ist Marketing-Strategie. Jeder Laden ist darum bemüht, seine Produkte besser zu verkaufen als die Konkurrenz nebenan. Der Hintergrund ist, dass wir fast alles nur noch visuell aufnehmen, jeder schaut auf Screens und sein Handy. Alle anderen Sinne verflachen dadurch. Dann wurde aber festgestellt, wenn man einem Laden, einer Verkaufsfläche einen Geruch verpasst, dann schafft das Bindung. Wenn es sich um eine Kette handelt, arbeiten sie weltweit mit dem gleichen Duft. Wenn er toll riecht, dann fühlt man sich dort wohl. Dann haben die was erreicht.

Wenn der Kunde auf den Duft positiv reagiert, kauft er mehr?

Wenn es toll riecht, ja. Wo man sich wohl fühlt, bleibt man länger – und kauft mehr ein, das ist erwiesen. Wenn es stinkt, flüchtet man.

Und in Hotels sollen die Gäste mit Lavendel auf dem Kopfkissen besser schlafen?

Die ätherischen Öle haben einen Einfluss, aber man darf die Aromatherapie nicht überbewerten. Man schläft nicht sofort ein, wenn man Lavendelöl riecht.  Sonst würde man im Krankenhaus ja auch damit arbeiten, stattdessen bekommt man dann besser ein hochdosiertes Opiat als Narkosemittel, macht alles Sinn.

Tatsache ist aber, dass besonders luxuriöse Hotelketten Beduftung in ihr Konzept aufgenommen haben, warum?

Wie in den Boutiquen auch: es geht ums Wohlfühlen. Aber bei Hotels sind die Anforderungen anders. Die zentrale Fragestellung bei der Entwicklung ist, ist das Hotel mehr auf Wellness, Natur oder Luxury ausgerichtet?

Wie wäre denn die Aufgabenstellung für Luxury?

Dann muss der Duft natürlich opulent riechen, da kommt man mit Zitrusnoten  und Blattgrün nicht hin. Das muss dann teuer riechen. Und das ist dann eben dick und süß und holzig. Sandelholz muss drin sein, vielleicht auch teure Blumen, wie Iris, Jasmin und Rose, am besten als Absolues. In der Regel wollen sie das dann haben, aber nicht bezahlen.

Ist es eine gute Entwicklung, dass jeder Laden und jedes Hotel speziell riecht?

Wenn der Duft gut riecht, ja, wenn nicht, nein.

Je teurer der Laden, desto besser der Duft?

Das will ich schwer hoffen. Es ist wie bei allem, wenn man eine richtig schöne Wildlederjacke haben will, dann kommt man mit 150 Euro einfach nicht hin. Das ist bei Duft genauso. Es gibt so gut wie keine billigen Düfte, die gut sind.

Gibt es einen Duft,  der bei allen Menschen  immer funktioniert und für gute Stimmung sorgt?

Es gibt definitiv Naturprodukte, die aromatherapeutisch einen positiven  Effekt haben. Es gibt Sachen, die beruhigend, belebend, vitalisierend, euphorisierend oder aphrodisierend wirken. Das ist erforscht und nachgewiesen. Die Sachen kommen aus der Natur, die Pflanzen haben Gerüche entwickelt, um zum Beispiel Tiere anzulocken oder abzuwehren. Düfte können ziemlich schrill sein, wenn die Pflanzen etwa bittere Geruchsstoffe absondern.

Also lieber Mandarine als Margerite?

Zitrusnoten kommen in der Regel gut an. Sie haben ein Duftgemisch, das gleichzeitig beleben und entspannen kann. Sie beeinflussen die Wirkung von Neurotransmittern im Gehirn, sie beleben, machen aktiv und wach.  So haben alle Duftstoffe eine Wirkung, wie jede Farbe, jedes Licht, jedes Geräusch. Alles berührt uns und weckt die Sinne.

Und Vanille mag jeder, weil es mit frühkindlichen Erinnerungen an die Muttermilch verknüpft ist?

Ganz platt, ja. Vanille ist süß, und Süß ist der erste Geschmackseindruck, den Kinder aktiv wahrnehmen.

Und Düfte wecken nicht nur Erinnerungen, sie können auch unser Sexualleben in Schwung bringen?

Klar können Düfte Hormone und wichtige Botenstoffe im Gehirn regulieren und so  geistige und  körperliche Funktionen beeinflussen. Sie beeinflussen die Wirkung von Neurotransmittern im Gehirn, sie beleben oder entspannen  uns.  molecule01 kitzelt unser vomeronasales Organ, der Teil im Gehirn, wo auch die Pheromone verarbeitet werden.  Das ist eine relativ neue Erkenntnis. Empirisch stellten wir fest,  die Leute rennen hinter dir her und fragen, was es ist. Mittlerweile ist es wissenschaftlich erforscht, dass der Duftstoff die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern stärkt.

Gibt es Gerüche, die Sie in den Wahnsinn treiben?

Ja, klar, vor allem menschliche! Etwa im Flugzeug, immer eine Katastrophe. Es gibt diesen Flugzeugeigengeruch okay, das ist ein Gemisch aus Kerosin und Materialität, und es gibt immer wieder Leute, die da mal eben ihrem Darm etwas Luft verschaffen wollen. Das passiert bei jedem Flug!  Das ist leider unfassbar, wäre es klar, wer das ist würde ich ihm sehr gerne ein Glas Wasser ins Gesicht schütten. Neulich zog einer seine Schuhe aus beim Start, ich hab dann den Steward geholt und ihn gebeten, dass er dem Herrn hinter mir erklärt, dass er sie jetzt einfach wieder anzieht. Das ging dann ein paar Mal hin und her. WTF !  Schlimm sind auch die Leute, die ihre Klamotten nicht waschen. In Berlin scheint das ein beliebtes Hobby zu sein. In jedem zweiten Taxi stinkt es nach der Jacke des Fahrers, die eben noch nie in der Reinigung war, schön fettig und ranzig. Das ist eine olfaktorische Frechheit, in der Regel mache ich dann sofort das Fenster runter um das Gefühl zu haben, wieder atmen zu können. Es gibt viele Gerüche, die mir auf die Nerven gehen, manche Leute merken es einfach nicht oder sie haben keine Partner zuhause, die ihnen das einfach mal sagen. Meine Erfahrung zeigt mir immer, dass Leute sehr dankbar sind, wenn man ihnen das mal sagt!

Ist das nicht das Problem der sehr feinen Nase?

Nein, ich rieche ja nicht mehr, weil ich mehr gerochen habe, ich kann Gerüche besser be- oder umschreiben. Ich rieche in der Regel so wie alle anderen. Und die merken auch, wenn es im Taxi stinkt.

Apropos Gestank, riechen Oud-Parfums gut oder schlecht, und was kommt nach Oud?

Nach Oud kommt hoffentlich nie wieder Oud. Das ist das wichtigste, dass es endgültig verschwindet! Weiterhin soll es gerne in den arabischen Ländern vorkommen. Da kommt es her, da macht es Sinn. Dort ist es im Kulturkreis verankert, in den europäischen Ländern war es eine einzige Marketingstrategie, Oud einzuführen, weil den Marketing-Strategen nichts anderes eingefallen ist. Es ist einfach wahnsinnig stark und riecht nach altem vergammelten Holz.

Warum laufen Oud-Parfums so gut?

Weil es neu und exotisch war und sehr teuer ist. Das ist es dann aber auch. Für mich stinkt Oud. Da ist nichts Positives dran. Wenn man in einen Duft alle möglichen anderen Sachen rein tun muss, damit man das Oud nicht mehr riecht, dann ist das doch kein guter Anfangspunkt, dann lasse ich es doch besser gleich draußen.

Alle haben sich daran satt gerochen, was kommt jetzt? Ist es wie in der Mode, auf Grün folgt Gelb?

Was danach kommt? Das weiß kein Mensch. Wenn ich von Farbkarten und dergleichen höre, lache ich mich kaputt.  Das ist eine reine Erfindung. Es gibt irgendwelche Trendmacher, wie Frau Edelkoort, aber das sind alles Scharlatane. Wenn die des Kaisers neue Kleider ausloben, da darf man einfach nicht zuhören, die muss man ignorieren. Es gibt doch in der Mode keine Trends mehr. Wir haben alles gesehen. Es gab die 30er Jahre, die 50er Jahre, die 60er, die Seventies und dann noch die Achtziger und alles andere danach ist ein wieder aufgewärmtes Mischmasch, vielleicht noch mit etwas Technologie augepeppt !. In den 1990ern gab es schon keinen Trend mehr, es gab alles nebeneinander. Jedes Jahrzehnt hatte seine Handschrift, weil es immer politische und kulturelle Einflüsse gab und soziale Strömungen, die gewisse Dinge gepusht haben. Das ist vorbei, alles existiert nebeneinander.

Nach der Aufregung, ein bisschen Lavendel?

Nein, kein Duft. Wenn ich in meiner Freizeit auch noch Düften hinterher jage, dann werde ich ja zum totalen Fachidiot. Es gibt noch so viele andere schöne Sachen. Gerüche sind schon ziemlich weit oben  – ansonsten Kunst, Fußball, Leben.

Das Interview führte Eva Reik.