„Ich war schon immer ein sehr visueller Mensch.
Ich wollte Bilder kreieren und mit Make-up spielen.
Deshalb bemalte ich als Kind auch meine Zimmerwände.
Was meine Eltern jedes Mal in die Verzweiflung trieb.“

 

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Photo Credit © Christine Lutz


Yasmin Heinz,

FACELOOK

interview,
uwe buschmann

WENN MAN AUF DEN WICHTIGEN LAUFSTEGEN DER WELT EIN PERFEKT GESCHMINKTES GESICHT SIEHT, STECKT OFT YASMIN HEINZ DAHINTER — MAKE-UP ARTIST VON WELTRUF. DIE NAMEN DER MODELABELS, FOTOGRAFEN UND IHRER AUFTRAGGEBER LESEN SICH NICHT WIE DAS WHO IS WHO IN DER BEAUTYWELT, SIE SIND ES. GERADE HAT YASMIN HEINZ MIT DEM FOTO-BILDBAND „ELEMENTS — THE ART OF MAKE-UP“ EINES IHRER TRAUMPROJEKTE REALISIERT UND AUF DEN MARKT GEBRACHT.

Photo Credit © Ruven Afanador


Frau Heinz, sind Sie wenigstens im Privaten eine Verfechterin ungeschminkter Wahrheiten?
   Dazu kann ich ihnen nur sagen, dass ich zu 90% vollkommen ungeschminkt durchs Leben schreite.

Wann war der erste Anlass, dass Sie sich geschminkt haben?
   Das war in New York. Damals war ich zu Besuch bei meiner Tante und feierte das erste Mal Halloween.

Wenn Sie Menschen ins Gesicht blicken, worauf fällt Ihr Augenmerk zuerst?
   Ich glaube, das ist für alle gleich. Ich blicke in die Augen.

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Photo Credit © Dirk Bader/Trunk Archive


Eigentlich wollten Sie ja zum Ballett und eine Primaballerina werden. Ein Motorradunfall am Vorabend des Vortanzens an der Hamburger Staatsoper verhinderte das. Tanzen ging gar nicht mehr. Zerplatzte Träume in jungen Jahren. Das prägt bestimmt. Jetzt haben Sie in einem völlig anderen Metier Weltkarriere gemacht. Wie waren Ihre ersten Schritte hin zum Make-up Artist?
   Ich war schon immer ein sehr visueller Mensch. Ich wollte Bilder kreieren und mit Make-up spielen. Deshalb bemalte ich als Kind auch meine Zimmerwände. Was meine Eltern jedes Mal in die Verzweiflung trieb. Gesichter aus Theater, Kino und Musik faszinierten mich. Eine Make-up Schule habe ich nie besucht. Nach dem Abitur ging ich nach New York und wurde Assistentin der berühmten Make-up Ikone Linda Mason. Sie führte mich in die Mode- und Beautywelt ein, zeigte mir, was Make-up eigentlich wirklich bedeutet.

[PAGE 20]Yasmin Heinz Sketch by -® Carol Legrand

Photo Credit © Yasmin Heinz Sketch by Carol Legrand


Die Historie des Make-ups begann nicht erst mit der Vertreibung von Adam & Eva aus dem Paradies. Sämtliche Naturvölker legten aus Gründen der Freude, Trauer, Jagd oder eines Krieges im Gesicht Farbe auf. Aus Alt mach Neu ist in der Jetztzeit ein häufiger Grund. Können Sie in Sachen Make-up zaubern?
   Nun, zaubern kann ich nicht, glaub ich. Aber bewusst in meiner Zeit leben. Und mich dabei in meiner Make-up Welt ausdrücken. Das Alte inspiriert mich dabei immer wieder zu Neuem.

Die menschliche Physiognomie ist Facettenreich bis seltsam. Wann wird Ihre Arbeit zum „Abenteuerspielplatz“ oder gar ein „schwieriger Fall“?
   Make-up als Abenteuerspielplatz finde ich kreativ und herausfordernd. Das gehört zu meiner täglichen Arbeit dazu. Man sollte immer flexibel bleiben. Aber „schwierige Fälle“? Nein, „schwierige Fälle“, die gibt es für mich nicht. Man muss die Schönheit in jedem Menschen erkennen und dann herausarbeiten. Genau das ist ja auch meine Aufgabe und das, was ich gut kann.

Yasmin Heinz

Photo Credit © Felix Lammers


Sie waren als Visagistin für Charlotte Gainsbourg, Diane Kruger, Jean Paul Gaultier, Laetitia Casta, Monica Bellucci, Olga Kurylenko, Toni Garn, Thomas Kretschmann oder Suki Waterhouse tätig. Ist das ein intimer Vorgang, der da passiert?
   Natürlich! Es ist immer ein intimer Vorgang, wenn mich eine Person so nah an sich heranlässt. Dabei ist wichtig, von Anfang an ein Vertrauensverhältnis zu seinem Gegenüber aufzubauen.

Viele Fotoshootings, bei denen Sie für das Make-up verantwortlich waren, wurden in der Vogue, Harper’s BAZAAR, Elle, Vanity Fair, i-D Magazine, Interview etc. veröffentlicht. Gibt es Arbeiten, auf die Sie besonders stolz sind? Oder gehören Sie zum Heer der mit sich hadernden Kreativen, die an der eigenen Arbeit kaum ein gutes Haar lassen?
    Nein, zu dieser Spezies gehöre ich mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil. Ich muss sagen, dass ich auf alles, was ich bisher gemacht und erreicht habe, stolz bin.

Model: Zuzanna Stankiewicz / WOMEN Paris

Model: Zuzanna Stankiewicz / WOMEN Paris


Sie haben schon mit den allerbesten Fotografen/Innen wie Annie Leibovitz, Helmut Newton, Ellen von Unwerth, Joachim Baldauf, Felix Lammers und und und zusammen gearbeitet. Wie weit können Sie dabei eigene Vorschläge und Kreativität einbringen? Und in welcher Sekunde stirbt Ihre Freiheit?
   Das hängt immer von der Art des Auftrags ab. Wenn man für eine Werbekampagne schminkt, wo ich ein vorgegebenes Konzept umsetzen muss, ist die Freiheit nicht da. Bei einer redaktionellen Arbeit oder einer Fashionshow, ist das ganz anders. Da wird ja gemeinsam im Team ein Thema entwickelt und erarbeitet. Da ist es nicht nur erwünscht, sondern sogar wichtig eigene Vorschläge und Konzepte einzubringen.

Ihr neuer, opulenter Foto-Bildband „Elements – The Art Of Make-Up“ by Yasmin Heinz ist in vier Kapitel unterteilt: Erde, Luft, Feuer und Wasser. Das klingt sehr elementar, nach Rückbesinnung auf Wesentliches und auch ein bisschen esoterisch. Wie kam es dazu?
   Die Idee wurde von meinem Creative Team schon vor 3 Jahren in den Raum geworfen. Als wir das erste Mal über dieses Buchprojekt sprachen. Und siehe da, wir haben damit Recht behalten. Noch nie war die Bedeutung dieser Elemente so populär und wichtig wie heute.

Photo Credit © Felix Lammers


Wenn man sich die Fotos in dem Buch anschaut, wird klar, dass es mit dem Erscheinungsbild im Alltag nicht viel zu tun hat. Selbermachen liegt hier nicht auf der Hand. Gesichter werden zur Leinwand in 3D, zur Projektionsfläche für eine Künstlerin. Bei solchen Arbeiten spielen Kategorien wie „Make-up great again“ oder „I wanna be adored“ keine alleinige Rolle mehr. Also worum geht es?
   Das sehe ich anders. Ganz im Gegenteil. Für mich hat das Buch sogar sehr viel mit Alltag zu tun. Und dem eigenen Lebensstil. Ich hoffe, dass jeder, der es in der Hand hält, davon inspiriert wird und nachdenkt.

Photo Credit © Armin Morbach


Gab es nur rein ästhetische Aspekte bei der Auswahl der Fotos, die in das Buch durften?
   Ästhetik kennt keine Grenzen. Zu jedem Foto gibt’s eine persönliche Geschichte.

Sie haben persönliche Verbindungen nach Brüssel, Paris und Berlin. Ihre Koffer stehen in London. Wo fühlen Sie sich Zuhause?
   Ich fühle mich immer da zu Hause, wo ich gerade bin.

Frau Heinz, mögen Sie eigentlich Tomatenketchup?
   Wie kommen Sie bloß auf diese Frage, Herr Buschmann?

Photo Credit © Markus Pritzi