UND WER SAGT DAS…?

„Selbstbestimmte Nacktheit

ist pure Emanzipation.

(MICHAEL IMHOF)

 

1LIVE-Morning Man, Musikschaffender und analoger Menschfotograf – Michael Imhof ist ein kreativer Multitasker. Als Moderator und Deep House-Produzent hat er längst reüssiert; seine Karriere als Fotokünstler dagegen nimmt gerade erst Schub auf. Und das gewaltig. SALVE zeigt exklusiv ausgewählte Bilder seiner Fotostrecke „Amelie“: einer Homestory, in der die Kamera zum stillen Begleiter der Frau wird, ihr natürliches Lebensumfeld umkreist und sie behutsam in Szene setzt. Nicht laut und voyeuristisch, sondern authentisch, selbstbestimmt und fast beiläufig. Was in echter, vielleicht einzig wahrer Erotik gipfelt. Zeit also für ein Gespräch über künstliche Posen, falsche Sexyness und die Schönheit ungeschminkter Frauen…

Bislang warst Du der Mann fürs Phonetische, jetzt eroberst Du das visuelle Metier. Wie bist Du zur Fotografie gekommen?

Ich hatte Kunst als Leistungskurs, habe mich da intensiv mit Fotografie beschäftigt. Aber wie das so ist im Leben, setzt man dann andere Prioritäten – und so wurde zunächst die Musik zu meiner treibenden kreativen Kraft. Dennoch hat mich die Fotografie nie losgelassen; es fehlte einfach die Zeit. Die nahm ich mir dann vor einigen Jahren wieder ganz bewusst, habe „tote Dinge“ fotografiert. Geometrische Strukturen, Architektur – alles was nicht weglaufen kann.

Vom diesem Ansatz scheinst Du Dich komplett gelöst zu haben. Denn Deine aktuellen Bilder sind eine eindeutige Hommage an die Frauen…

Das kam ein Stück weit durch meine Frau, die als Model arbeitet. Sie inspirierte mich Menschen zu porträtieren, allen voran Frauen. Was ein Stück weit neu für mich war, denn ein „lebendes“ Motiv mit seinen Bewegungen, seiner individuellen Mimik, seinen ganz persönlichen Stimmungen und Haltungen stellt ja ganz andere Ansprüche an mich als ein Stillleben. Nicht zu vergessen das Setting; schließlich geht es bei der Personenfotografie auch immer um die Inszenierung mit einem Surrounding, Requisiten und spezieller Beleuchtung.

Deine Bilder wirken sehr natürlich, weniger inszeniert als vielmehr nah bei den Frauen. Liegt darin die wahre Erotik?

Ich mag keine übermäßigen Inszenierungen, die zu gemacht, zu künstlich und stilisiert aussehen. Von daher wäre ich wahrscheinlich auch ein schlechter High End-Fashionfotograf. Mir geht es um das Echte – den echten Blick, den echten Moment. Die porträtierte Person, so wie sie wirklich ist. Weniger die Pose als die Persönlichkeit hinter der jeweiligen Frau. Das Shot für Shot und Schritt für Schritt zu offenbaren, ist ein sehr intimer und intensiver Prozess, in dem man sich aufeinander einlassen muss. Deshalb ist die Chemie zwischen Fotograf und Model entscheidend. Stimmt die nicht, kann man das Bild gleich vergessen. Nur wenn eine emotionale Verbundenheit während des Shootings entsteht, die mit Vertrauen auf beiden Seiten einhergeht, werden die Bilder auch gut. Nur dann sind sie auch wirklich sexy.

Auf dem Parookaville-Festival hast Du jüngst einige der bekanntesten DJs der Welt vor der Kamera gehabt. Was hat Dich da geflasht?

Die Geschichte, die sie mitbringen. Ihr Charisma. Sie sind Meister der Selbstinszenierung – da muss ich als Fotograf nicht mehr viel machen. Die größte Herausforderung besteht darin, sie dazu zu bringen, mich nah an sie heranzulassen. Wenn ich sie porträtiere, mache ich das mit meiner Leica mit einem 28 oder 35mm Objektiv. Das heißt, ich stehe nah, also wirklich nah vor Ihnen. Das zuzulassen, hat wieder sehr viel mit Vertrauen zu tun. Wenn sie das erlauben, flasht mich das, weil sie mich ein Stück weit in ihr Leben lassen. Um vielleicht für einen winzigen Augenblick den Star-DJ hinter sich zu lassen und sich zu zeigen, wie sie wirklich sind. Und genau das ist der Kick.

Das typische Kameraposing liegt Dir nicht, oder?!

Modelle haben die Angewohnheit in permanente Posen zu verfallen; was ja gewollt und damit konditioniert ist. Ich hingegen liebe es, wenn sie genau das nicht tun. Sich vergessen. Neulich bei einem Modelshooting in Berlin, sagte ich als erstes: Schmink Dich ab!

Und das Ergebnis…?

Zuerst war es für sie sehr befremdlich, aber dann fühlte sie sich zunehmend wohl. Am Ende wurden es wunderschöne, ganz natürliche Bilder. In Zeiten der perfekten Selbstinszenierung und digitaler Bildbearbeitung ist es ja schon ein Extrem auf ein ungeschminktes Model zu setzen. Aber wenn in dieser Purheit und Echtheit das Extrem unserer Zeit liegt, dann bin ich gerne extrem.

Auch im erotischen Sinne? Deine Homestory mit Amelie, die wir auf SALVE zeigen, ist ja offensiv sexy…

Ich finde die Strecke gar nicht so offensiv. Sexy ja, aber extrem sicher nicht. Das Problem mit erotischer Fotografie ist, dass man schnell in eine Ecke geschoben wird. Es geht hier doch nicht um Sexualität, sondern um Sinnlichkeit und die Inszenierung von Schönheit. Da gehört Nacktheit nun mal dazu. Wo wären wir ohne die Darstellung von Nacktheit? Dann wäre die gesamte Kunst- und Filmgeschichte de facto arm dran.

In Deinen Bildern scheint die Erotik auch eher beiläufig als Resultat einer natürlichen, prozessualen Entwicklung…

Tatsächlich ist es eine emanzipierte, selbstbestimmte Erotik. Meinen Bildern sieht man – so hoffe ich zumindest – an, dass die Frau selbst entschieden hat, nackt oder wenig bekleidet zu sein. Stolz und selbstbewusst. Selbstgewählt stark oder schwach. Und ich darf diesen Moment festhalten.

Schon mal daran gedacht, mehr Männer zu fotografieren…?

(lacht) Sofern es Porträts sind, immer gerne! Aber ich denke, ich hab einen besseren Blick für Frauen. Ich liebe einfach ihre Ausstrahlung, ihre Bewegungen, Schönheit, den Sexappeal. Und das versuche ich in meinen Bildern zu transportieren. Bei Männern würde ich ja doch andere Eigenschaften zeigen wollen. Aber jetzt, wo du es sagst: Vielleicht wird das mein nächstes Projekt…?!

Mehr zu Michael Imhof unter:

http://michaelimhof.com

 

2015-11-07 Amelie by Michael Imhof 03

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coverphoto / WDR/Annika Fußwinkel