UND WER WHATSAPPED DAS…?

„Kunst und Können haben viel gemeinsam, aber einfaches Publikum zum Staunen zu bringen oder das Geld aus der Tasche zu zaubern ist keine Kunst sondern einfache, marktgerechte Dienstleistung. Kopie. Kein Können.“                                  

(Maria Wildeis)

WEST ART STORY: I JUST MET A GIRL NAMED MARIA

„DAS GLAUB ICH NICHT!“, SAGT MARIA UND ZWEIFELT MEINE IDENTITÄT AN. TROTZDEM ZEIGT SIE MIR, WO SICH DIE RÄUME DER KÜNSTLER BEFINDEN. „KOJEN, SO NENNEN WIR DAS HIER“, ERKLÄRT MARIA. ICH BEKOMME EIN BISSCHEN ANGST, DAS GANZE GEBÄUDE WÜRDE SEINE SCHIFFSTAUFE ERLEBEN UND ALLE JUBELTEN. DADA ICH DOCH ATHEIST BIN UND AN EKSTASEINTOLERANZ LEIDE.

MARIA, DIE SCHWARZE SNEAKER VON REEBOK TRÄGT, IST ABWECHSELND ÜBERALL UND GLEICHZEITIG. ALS ETWAS RUHE EINKEHRT VERKAUFT SIE ROTE BOHNEN AN DIE KÜNSTLER. FÜR VERBILLIGTE GETRÄNKE. WEIN, WEIB UND GESANG GEHÖREN FEST UND UNTRENNBAR ZUM KÜNSTLER. DAS WAR SCHON IM ALTEN ROM SO BEI DEN BILDHAUERN, DIE DIE STEINE FÜRS MOSAIK KLITZEKLEIN SCHLUGEN.

ICH WOLLTE KUNST. ICH WOLLTE IN EINE AUSSTELLUNG GEHEN, IN DER MAN EIN BISSCHEN GUCKT UND ERKENNT, WAS MORGEN AN DIE WAND MUSS UND WO ÜBERMORGEN IN DER KUNST DER HAMMER HÄNGT, ABER GLEICHZEITIG HOFFT, SIE SICH HEUTE AUCH NOCH LEISTEN ZU KÖNNEN. ICH LAUFE WEITER VON KOJE ZU KOJE. MEIST WIRKEN DIE KÜNSTLER VON SICH ÜBERZEUGT UND ANGEMESSEN LEICHT GELANGWEILT. CARAVAGGIO, DENKE ICH, RAFFAEL, ALSO DA BIN ICH SICHER, WÜRDEN IHNEN VIS-A-VIS (FROM FACE TO FACEBOOK) DOCH ZIEMLICH ALT AUSSEHEN.

EHE ICH MICH VERSEHE, HAT SICH MARIA SCHON WIEDER VON MIR GETRENNT, ICH SEUFZE UND LASSE MICH WILLENLOS ZUR KUNSTAKTION LOVEPROTOTO (A LOVELY ART PROJECT) VERFÜHREN, AUCH WENN ICH NULL AHNUNG HAB, WAS MIT MIR PASSIEREN SOLL. DAS ERKLÄRT MIR EINE FRAU IN IHRER KOJE, AUF DEREN BLUSE EINE POSSIERLICHE I.L.U. ANSTECKNADEL STECKT. DIE FRAU WILL VOR ALLEM, DASS ICH TOTAL ENTSPANNT BIN, IN MEINER MUTTERSPRACHE „ICH LIEBE DICH“ SAGE UND DAS GANZE IM HANDY-VIDEO FESTHALTE. ICH WILL VOR ALLEM WEG. DAS MIT DER MUTTERSPRACHE KLAPPT, WENIGER DASS MIT DEM TOTAL ENTSPANNT SEIN. NACH ZWEI VERSUCHEN MACHEN DIE FRAU, AUF DEREN BLUSE EINE POSSIERLICHE I.L.U. ANSTECKNADEL STECKT, UND ICH BESSER WIEDER SCHLUSS.

DAS ANDERE SCHOCKIERENDE KUNSTOBJEKT IST EINE VIDEOINSTALLATION. ES WIRD EINE INTIMRASUR VIA PINZETTE GEZEIGT, WAS EINDEUTIGER KLINGT, ALS ES IST UND VOR ALLEM DARAN LIEGT, DASS ES ZWAR SCHARF, ABER NICHT MIT DEM OBJEKTIV NAH DRAN GEFILMT IST. DESHALB WIRFT ES FRAGEN AUF: SIEHT MAN AM ENDE EINEN ENTLAUBTEN LUSTGARTEN GEMALT VON GEORGIA O’KEEFFE ODER DIE BLANK GEZUPFTE AUGENHÖHLE PICASSOS?!? DAS GEÜBTE AUGE ERKENNT DEN UNTERSCHIED, ICH NICHT. NICHT SCHLIMM. DENN VOR MEINEM GEISTIGEN AUGE FEIERT INZWISCHEN DIE POSSIERLICHE I.L.U. ANSTECKNADEL EIN COMEBACK. SIE HAT RECHT, WIRD MIR ENDLICH KLAR. EIN TOTAL ENTSPANNTES – ICH LIEBE DICH – DAS IST, WAS DIE WELT BRAUCHT. DA ALLE TECHNIK UND ALLE RELIGION NICHT ANNÄHERND DAS ERREICHEN KÖNNEN, WAS DIE LIEBE VOLLBRINGT. ZUM RISIKOMANAGEMENT TAUGEN ROTE BOHNEN. FALLS DIE WELT UNSERE LIEBE MAL NICHT ERWIDERT.

 

WEISSES TEXTRAUSCHEN VIA WHATSAPP MIT MARIA WILDEIS, KUNSTHISTORIKERIN UND KURATORIN (FRAUENKULTURBÜRO NRW E.V. / KUNSTRAUM TIEFGARAGE / FAR OFF)

Datum: 24.04.2017, 9:01 Uhr 

guten morgen Maria. Du schläfst bestimmt noch. Letzte Nacht in Kölner Kunstszene ist wieder später geworden, der rote wein, die vielen in schwarz gekleideten Leute mit ausgeprägtem Redebedarf. Da stehst du bestimmt später auf. Du trägst dann ein geringeltes T-Shirt wie Jean Seberg in Godards „Außer Atem“, trinkst ein Meer an Kaffee aus und rauchst eine Zigarette. Später klingelt es an der Haustür. Der junge Jean-Paul Belmondo. Oder Banksy. Oder der Postbote, der viele bunt bemalte Postkarten aus aller Welt bringt. Von Künstlern, denen du mit einer Ausstellung weiter helfen sollst…

Datum: 24.04.2017, 15:17 Uhr

Hi Uwe ich war bis 6 Uhr morgens wach, um eine Datei fertigzustellen, Expressdruck geht bis 10.00 Uhr. Das Wochenende war sehr musikalisch – ich hatte eine Eröffnung mit dem Düsseldorfer Japaner Taka Kagitomi in der tiefgarage. Zum Frühstück in der WG sangen wir über Onomatopoesie und wie leute schmerz ausdrücken. Aiaiai.

Datum: 25.04.2017, 16:32

Kurator/Kuratorin. das wort klingt irgendwie so streng. wer die Kunst nicht sehen will muss fühlen! als wenn ein Buch und eine spätere Verfilmung dieses Berufs den Titel FIFTY SHADES OF GALLERY hätte. kommt ja aus dem lateinischen…curator…Bevollmächtigter…Vormund… Wie würdest du jemanden den Beruf Kurator/in erklären? Und wie bist du es geworden??

Datum 26.04.2017, 15:32

Kuratoren sind ja eigentlich die Pfleger einer Sammlung in einem Museum. Die stellten dann innerhalb der Sammlung neue Bezüge zwischen Künstlern und Werken her. So mache ich das mit der Gegenwartskunst. Mein Museum ist dann mein Umfeld. Ich frage mich dabei immer, was das ist, Kunst, im 21. Jh und wo Energien sind.

Datum 26.04.2017, 16:40

Ich habe bis 2010 Kunstgeschichte und Philosophie auf Magister studiert, sehr viele praktika in der zeit gemacht und abschliessend zum studium hab ich mich einfach selbstständig gemacht. Hohes Risiko, sehr viel Arbeit und sehr viel Freiheit (Hirn, Meinung, Ausschlafen) seitdem. Meine erste Ausstellung war in einer alten lagerhalle eines Clubbetreibers, auf 1500 qm. Tip Top Stop Wundermarkt. Meine Eltern haben mich dann immer wieder gefragt wo denn mein businessplan sei, aber das ist irgendwie nicht wirklich mein Thema in dieser welt. Absurd!

Datum 03.05.2017, 

der Volkshochschulmund: „Kunst kommt von KÖNNEN, nicht vom wollen. deshalb heisst es ja Kunst und nicht Wunst“ „was man auf Anhieb nicht versteht, sagen Kultur-Wissenschaftler, könnte Kunst sein“ jay Beuys meinte, alles ist Kunst, bis eine Düsseldorfer Museumsputzfrau mit Schrubber und Putzeimer dagegenhielt……letztens hab ich auf einer Kunstausstellung ein Porträt von David Bowie aus zerknüllten papierkugel gesehen…und eine Malerin, die immer wieder einen Hummer in Ölfarben festhielt…die Kreativität meinte sie wohl sei beim hochverzweifelten Künstler am besten: Also, hast du Kummer mal nen Hummer! was ist denn jetzt so alles Kunst? uns was most def nicht??

Datum: 05.05.2017, 14:04

„Künstlerische Tätigkeit ist gekonntes Nichtkönnen“ schreibt L. Schwarte.

Kunst und Können haben viel gemeinsam, aber einfaches Publikum zum Staunen zu bringen oder das Geld aus der Tasche zu zaubern ist keine Kunst sondern einfache, marktgerechte Dienstleistung. Kopie. Kein Können. Wenn etwas Kunst ist, wenn ein Kunstwerk etwas „kann“ dann erzeugt es ein Mehr in deinem Kopf, bereichert dich oder eine bestimmte peer group – Kunst erzeugt ästhetische oder und kognitive Freude. Kunst bietet sich auch hervorragend an, um ihren Begriff immer wieder neu zu hinterfragen, praktische Philosophie zu betreiben. Zweifeln. Energie auf etwas zu verwenden, das dem Scheitern und Hinterfragen von Sinn und Unsinn Bedeutung verleiht.

Datum 05.05.2017, 14:47

warum hat rembrandt nicht schon wie Picasso gemalt? den Impressionismus, den Expressionismus übersprungen direkt hinein in den Kubismus….oder hat er das gar mal…zwischendurch. und heimlich. dann direkt verbrannt, um nicht als Hexer auf dem Scheiterhaufen zu landen…Kunst war der Zeit/Zeitgeist voraus, dann aber doch nicht Lichtjahre sondern nur ein bisschen…ja, warum eigentlich?

Datum 05.05.2017, 16:05

Leonardo Davinci malte die Mona Lisa 1503 und erst in der Moderne im 19. Jh wurde sie entdeckt und recht viel später als Mythos erklärt. Durch die Geschichten, die das Bild als Gegenstand in Museen und durch Eigentumsverhältnsse von sich erzählt. Es wurde geklaut, der Bildgegenstand wurde angezweifelt, es hat die Historiker beschäftigt. Bachs 12tonmusik war in der Gegenwart unbeachtet, sein Sohn war konservativer und viel beliebter. Heute basiert alles auf den Ideen des Vaters, kaum einer kennt Carl Philipp. Kunst kann auch voll den Zeitgeist treffen, was dann unter Umständen bald schon keine Relevanz mehr besitzt. Damien Hirst hat mit „To the love of God“ eher den gegenwärtigen Geist einer Kitschgesellschaft getroffen. Nachhaltig wird das bestimmt nicht sein. Glaube ich. Aber wer weiss das schon. Ja, warum Kustwerke ihre eigene Zeit in sich tragen, weiß ich nicht. Aber es hängt bestimmt davon ab, wie nah man mit seinem werk im dialog mit der gesellschaft steht. Ohne Distanz, einfach etwas zu machen, was alle geil finden – jetzt – beantwortet ja nichts, bringt keine Veränderung, ist nur charming und Wiederholung von Bekanntem.

Datum 05.05.2017, 18:06

die Geschichte der Kunst war auch eine Geschichte der Provokation. mal gewollt, mal ungewollt, weil die zeit noch nicht reif für das gezeigte war. kann man heute mit/in der Kunst überhaupt noch provozieren, ein tabu brechen? Ohr abschneiden, Hoden auf den roten Platz nageln…alles war da…was bleibt? das Baselitz seine Bilder nicht nur auf dem Kopf stellt sondern zusätzlich mit einer Burka verschleiert??… ist das ein Dilemma 2017 für die Kunst?

Datum 05.05.2017, 19:23

Der Weg vom Impressionismus zu Expressio-, Surreal- zu Konstruktiv-, Futur- oder Dadaismus war dialektisch, ein Streit um die Wahrheit, der sich zwischen Interessensgruppen gebildet hat. Heute mit dem Informationszeitalter wurde dieses Lineare des Dialogischen zu einem grossen Teich an bereits vorhandenem. In dieser Gegenwart geht alles und irgendwie nichts mehr. Wir wissen alles, sehen alles. Man kann nicht mehr im Dada-Stil schockieren oder behaupten, man kenne die absolute Antwort auf die Frage nach der Kunst. Viele haben das Ende der Kunst bereits propagiert. Aber Kunst ist Teil der Gesellschaft, sie ist immer da, ist nur einer großen Veränderung unterlegen. Kunst provoziert heute z.b. indem sie sich seiner Reduzierung auf ein Luxusobjekt versagt, weil installative, performative und zeitbasierte Arbeiten allgegenwärtig sind und sich einer direkten Verkäuflichkeit entziehen. Ich finde das sehr spannend alles. Viel Veränderung. Viele Tabus, die gebrochen werden können

Datum 06.05.2017, 11:42

Aber vom Tabubruch der nicht gegenständlichen Kunst, kann sich niemand seine Pizza kaufen. Der Künstler will/soll ja auch von seiner Kunst leben. Ein immenser Teil der Kunst ist ja Aktie geworden, eine Geldanlagequelle. Die grossen Auktionshäuser sind ihr Börsenplatz. ein Picasso ist ein Goldbarren, mit dem Unterschied, dass ihn sich noch viel viel viel weniger Menschen leisten können. Wäre das gute alte Mäzenatentum eine Lösung, da der kapitalistische Markt die Kunst kaputt macht? Oder soll der Künstler es den grossen Modehäuser gleichtun. Die verdienen ihr Geld ja auch meist mit pret-a-porter und nicht der Haute Couture. Sonst bleibt dem Künstler als letztes Kunstwerk immer nur die Doku vom eigenen Hungertod…

Datum 06.05.2017, 14:38

Ja das müssen wir in Erfahrung bringen, aber das Modehausprinzip anzuwenden ist ja vielleicht gar nicht so schlecht, solange wir in dieser Marksituation stecken. Ich kann mir auch vorstellen dass diese Blase irgendwann platzt und sich einiges im Contemporary-Segment beruhigt. Aber jetzt ausschliesslich Stangenware-Deko zu produzieren und Angst zu haben weil eine solvente Bevölkerungsgruppe Kunst zum Adventuregame der Luxusindustrie missbraucht und man auch Opfer dieser Willkür sein möchte, ist keine Lösung. Man kann als Künstler ja ernste Kunst betreiben und trotzdem Produkte aus dieser Arbeit an den Markt abgeben, die verkäuflich sind.

Datum 07.05.2017, 14:56

Ist Frauenquote ein Thema, wenn Du eine Kunstausstellung organisiert?

Datum 07.05.2017, 17:12

Naja war es für mich nie, aber seitdem ich beim frauenkulturbüro ein Austauschprogramm für weibliche Künstler organisiere, sehe ich das durchaus auch anders. Es hängt halt davon ab, wie politisch man arbeitet. Im Off Bereich kann man sich ganz frei auf die Arbeitsweise konzentrieren und muss nicht an Statistik denken.

WEST ART STORY: told by Uwe Buschmann

Mobile Phone: Uwe Buschmann

Mobile Phone: Maria Wildeis