UND WER SAGT DAS…?

„Die Kunst braucht einen gewissen Widerstand.

(JULIAN KHOL)

 

Das betont Bombastische, Effektheischende überlässt er anderen. Die Bildwelten des österreichischen Künstlers Julian Khol sind bewusst reduziert. Und dabei ungemein graziös und sinnlich. So möchte man förmlich an seinen sorgsam choreografierten Andeutungen von Blumen und Gräsern riechen, sie anfassen, um ihrer Aura nachzuspüren. Dabei lotet der Wahlkölner die Grauzone zwischen Figürlichem und abstraktem Auflösen virtuos aus – und besetzt diesen offenen Raum mit Bildern, die sich nachhaltig einprägen. SALVE traf Julian Khol zum Gespräch über Naturkräfte, museale Befreiungsschläge und intuitive Dominoeffekte…

Manche Deiner Bilder scheinen von asiatischer Tuschemalerei inspiriert, andere weisen Analogien zum abstrakten Expressionismus auf, einige sind von Typografien geprägt, wiederum andere erinnern an die Zeichnungen von Egon Schiele. Du scheinst Dich damit jeglichem Genre, jeglicher Kategorisierung zu entziehen…

Als Wiener wird man ja quasi mit Schiele groß; sein Mut, die Dinge künstlerisch ganz neu anzugehen, hat mich immer inspiriert. Aber genauso begeisterte mich der amerikanische Expressionismus der 1950er, allen voran Willem de Kooning, der eine völlig neue Formensprache definierte. Also schlug sich auch das in meinen Werken nieder. Während und nach meiner Studienzeit habe ich viel ausprobiert und experimentiert, nicht zuletzt um herauszufinden, wer ich auf die Malerei bezogen eigentlich bin. Im Rahmen dieser Selbstfindung war es zunächst einmal wichtig für mich, frei von jeglicher Zuordnung zu sein. Aber dann wendete ich mich wieder instinktiv der Zeichnung zu, die irgendwie immer in mir war und aus mir herausströmte. Weshalb meine aktuellen Werke auch nahezu alle zeichnerisch angelegt sind.

Was eint diese Arbeiten, was ist ihr verbindendes Element?

Dahinter steht der Gedanke, wie viel das menschliche Auge, der Verstand braucht, um aus Strichen, Wiederholungen und Farbflecken-Flächen ein tatsächliches Bild zu schaffen. Und wie dieses Bild sich dann dem einzelnen Betrachter offenbart. Da ich stark seriell arbeite, ergeben sich durch die motivischen Wiederholungen Hilfestellungen; aber das einzelne Bild ist bewusst offen und angedeutet. Geradezu schüchtern und zurückhaltend. So, als würde es gerade erst entstehen. Sich in dem Moment materialisieren, in dem es gemalt wurde.

Dabei findest Du Deine Motive hauptsächlich in der Natur. Fast schon ein Anachronismus für einen Künstler, der bekennender Großstädter ist…

Ich ging schon immer gerne im Grünen spazieren, und auch im Urlaub oder auf Reisen bevorzuge ich Orte mit einer üppigen Vegetation. Dort finde ich einen Formenreichtum, einen inspirativen Quell, der etwas in mir auslöst. Es ist nicht nur der visuelle Input, sondern auch dieser archaische, unbändige Gestaltungswille von Blumen und Gräsern, die sich trotz des manipulativen Eingriffs von uns Menschen unbeeindruckt geben und sich immer wieder ihren Weg bahnen.  Ich überlege dann, wie man ihre Formen, aber auch ihre Kraft, diesen evolutionären Antrieb künstlerisch einfangen und übersetzen kann.

Dieser malerischen Übersetzung haftet etwas betont Unvollendetes, Offenes an. Damit forderst Du vom Betrachter eine aktive Beteiligung beim Rezeptionsprozess…

Eine Form ist ja in sich geschlossen und fertig. Durch das Lösen von dieser abgeschlossenen Form versuche ich ganz bewusst etwas offen zu lassen. Ich weiß, dass ich damit ein Mindestmaß an Auseinandersetzung, Kontemplation und Zeit vom Betrachter fordere. Im Vorübergehen sieht er hier wenig. Erst mit der Zeit wächst das Bild und verändert sich schließlich. So geht es auch mir beim Schaffensprozess: Das Bild fügt sich allmählich zusammen, manifestiert sich, und daraus entsteht das nächste, dann das übernächste. Es ist wie bei einem Dominoeffekt: Keine der Arbeiten materialisiert sich komplett – kurz davor springt das Bild auf die nächste Leinwand, um sich dort wieder verändert zusammenzusetzen.

Welche Rolle spielen dabei die starken Kontraste?

In den einzelnen Arbeiten geht es mir sehr stark um einen Rhythmus. Ein rhythmisches Alternieren zwischen Hell und Dunkel und die „pattern“, die das menschliche Auge darin findet. Eine Art von Unruhe in der Ruhe. Deswegen auch die Wenigfarbigkeit, die allgemeine Reduktion.

Mit welchen Materialien arbeitest Du bevorzugt?

Ich arbeite auf einem Kalk-Kreide Grund, den ich mit Farbpigmenten selbst anmische. Das ist der erste malerische Schritt, und der öffnet das Bild für mich. In Folge kann ich mich dann mit Ölkreide und Ölfarbe sehr direkt und frei bewegen. Für mich ist es wichtig ganz im Hier und Jetzt zu sein; in der Arbeit und auch im Ergebnis. Da ist vor allem die Ölkreide für mich wie eine wunderbare Verlängerung meiner Hand.

Du hattest soeben Deine erste Museumsausstellung in Hagen. Inwieweit beeinflusst so eine wichtige Zäsur die weitere Entwicklung?

Tatsächlich ist es ja weniger die Ausstellung an sich, als der Weg dahin, der prägend und entscheidend ist. Der Prozess bis zu dem Tag, an dem die Bilder dann final hingen, war schon sehr aufregend und spannungsgeladen. Außerdem war für mich von Anfang an klar, dass ich zusammen mit Herbert Brandl, meinem ehemaligen Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf, ausstellen wollte. Dieses Projekt gemeinsam, mit einem Team von Kuratoren und Verantwortlichen vor Ort, umzusetzen, war eine große Herausforderung, an der man als Künstler wächst. Früher hatte ich mitunter Bammel vor Ausstellungen; seit Hagen bin ich da selbstsicherer und gelassener, aber auch euphorischer. Es macht einfach verdammt viel Spaß mittels eigener Werke mit einem Haus, der Geschichte dahinter, der Architektur, den Räumen, etc. zu spielen. Das ist schon in einer Galerie toll, aber ein Museum bietet natürlich noch ganz andere Möglichkeiten. Alles in allem war es eine sehr befreiende Erfahrung, die zu meinem Selbstverständnis als Künstler beigetragen hat.

Ein bekanntes Sprichwort sagt: Düsseldorf hat die Akademie, aber Köln hat die Künstler. Siehe Polke, Trockel, Richter, die hier leben bzw. gelebt haben, genauso wie die junge Generation um Dich oder David Ostrowski. Wieso Köln?

Naja, bei mir liegt es ja auch irgendwie an meiner Frau, dass ich Köln gewählt habe (lacht.) Berlin kam für mich nicht infrage; ich finde es toll, ehrlich, aber auf Dauer ist mir die Stadt zu hektisch und zu selbstbefruchtend. Köln hat eine offene Art, man kann hier arbeiten und sein. Es ist wohl diese Tradition des „Leben- und Lebenlassens“, die auch oder vielleicht gerade für viele Künstler sehr ansprechend ist. Zudem hat Köln die richtige Größe: Es ist groß genug, um in verschiedene Mikrokosmen einzutauchen, aber klein genug, um nicht darin unterzugehen.

Was steht als nächstes bei Dir an?

Ende Juli wird in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Goldbergkunst ein handgebundenes, limitiertes Buch mit dem Titel „12 Monate“ erscheinen. Es bildet meinen Werkszyklus des letzten Jahres ab und wird vom Format wohl meinen Bildern in nicht viel nachstehen (lacht). Und im September stelle ich diese Arbeiten dann im Dialog mit den Skulpturen des Bildhauers Abraham David Christian in den Werkhallen Obermann in Remagen aus.

Und wo werden diese Triumphzüge dann begossen…?

Na, wo wohl? Natürlich in der MD Bar!

 

Interview: Yorca Schmidt-Junker

Julian Khol lebt und arbeitet in Köln. Er ist mit der Journalistin und TV-Moderatorin Nazan Eckes verheiratet. Zunächst studierte er Malerei an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, später unter Herbert Brandl an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Werke sind in zahlreichen internationalen Privatsammlungen vertreten und wurden u.a. im Osthaus Museum Hagen ausgestellt. Repräsentiert wird Julian Khol von der Galerie Breckner in Düsseldorf.

Ab 4. September 2016 wird Julian Khol im Dialog mit dem Bildhauer Abraham David Christian ausgewählte Arbeiten in den Werkhallen Obermann in Remagen ausstellen.

Mehr und Kontakt dazu unter:

http://juliankhol.com

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coverphoto / MITJA ARZENSEK