Andreas Völk: Gitarre,
 Laurenz Gemmer: Klavier,
 Kenn Hartwig: Kontrabass, Thomas Sauerborn: Schlagzeug

Man könnte es so auf den Punkt bringen: Enjuti verbinden Rock-Emphase und Jazz-Ideen mit aktuellen elektronischen Sounds. Um der individuellen Ausstrahlung des Quartetts auf die Spur zu kommen, braucht man ein paar mehr Worte. Beinahe eingängige Melodien begegnen überraschenden harmonischen Wendungen und ausfasernden Passagen. Gradlinig zupackende Beats zerfallen in gebrochene Rhythmen oder setzen für eine Weile ganz aus. Abstrakte Töne quellen aus Effektgeräten und Loopern oder entstehen durch Manipulationen im Inneren des Flügels. Klare Riffs und komplexe Strukturen treffen aufeinander, verschmelzen und lösen enorme Energieschübe aus. Die Freiheitsliebe der vier Musiker manifestiert sich in einer stetigen Spannung zwischen ausgeklügelten Kompositionen und pointierten Improvisationen, wobei letztere weitgehend auf traditionelle Soli verzichten und selten ins komplett Dissonante abdriften. Live weiten sich auch ursprünglich recht kompakte Stücke zu unvorhersehbaren Trips mit hypnotisierender Intensität. Enjutis Dramaturgie ist so unkonventionell wie faszinierend: aus nadelfeinen, kaum hörbaren Einzeltönen wird nach und nach eine gewaltige, zuweilen Drone-ähnliche, monolithische Klangwand, die schließlich Zeit und Raum auflöst und das faszinierte Publikum in andere Sphären versetzt.

Wer hätte geahnt, dass eine Begegnung beim Landesjugendjazzorchester Hessen zu einem dermaßen eigenwilligen, progressiven Quartett führen könnte? Während einer China-Tour der Bigband lernten sich die vier Instrumentalisten 2010 intensiver kennen. Wenig später gründeten sie in Köln Enjuti. Ihre teils recht unterschiedlichen persönlichen Hintergründe und musikalische Vorlieben empfanden sie als perfekte Grundlage. Gemeinsam war und ist ihnen die Überzeugung, dass Musik mehr sein sollte als eine nette akustische Tapete. Enjuti lösen Emotionen aus, können provozieren und polarisieren, fordern den Zeitgeist heraus.

Andreas Völk, Jahrgang 1989, als Haupt-Komponist der Stücke zumindest formal ein wenig Primus inter Pares des Kleeblatts, stammt ursprünglich aus dem hessischen Marburg und begann mit 10 Jahren, Gitarre zu lernen. Nach dem Abitur studierte er an der Hochschule in Osnabrück unter anderem bei Frank Wingold. Ein Workshop dort brachte die erste Begegnung mit Pianist Laurenz Gemmer, der seinerseits bei Hubert Nuss studiert hatte und seinen Master-Abschluss bei Florian Weber absolvierte. Gemmers Performance beeindruckte ihn, erinnert sich Andreas Völk, „besonders als er von außen auf den Flügel schlug und den entstehenden Klängen lauschte.“ Das nächste „Zeichen“ für eine Zusammenarbeit war, dass Gemmer überraschend als Aushilfe bei der besagten China-Tour der Bigband mitreiste.

Die Verbindung der beiden Musiker, zwischen denen immerhin neun Jahre liegen, rührt laut Völk aus ihrem weit gefächerten Musikgeschmack und einer Vorliebe für Spontaneität. Als Gitarrist ist er vor allem von Progressive Rock und Crossover geprägt, sagt Völk und nennt Bands wie Radiohead, Red Hot Chili Peppers und Rage Against The Machine. Gleichzeitig entwickelte er schon früh ein Faible dafür, bestehende Kompositionen gegen den Strich zu spielen, zu improvisieren und neu zu gestalten. Selbstverständlich beherrscht er gängige Jazz-Phrasierungen; variable Klangfarben liegen ihm aber definitiv näher als Griffbrett-Raserei. Von je her ist Musik für Andreas Völk eine substantielle Ausdrucks- und Kommunikationsform; nicht zuletzt seine Bachelor-Arbeit kreiste um das Phänomen, wie Klangwellen Emotionen auslösen können. An Laurenz Gemmer schätzt er vor allem dessen weiten Horizont, der von Klassik und Moderne über zeitgenössische Improvisierte Musik bis zu interdisziplinären Formen, etwa Tanztheater, reicht. Gemmers Gestaltungswillen fasziniert auch die Zuhörer, umso mehr in Enjutis magischen Konzerten mit ihren spektakulär weiten Bögen.

Bassist Kenn Hartwig (29) und Schlagzeuger Thomas Sauerborn (28) lernten sich vor rund 10 Jahren im Bujazzo kennen. Sauerborn begann sein Studium in Amsterdam, wechselte von dort nach Köln und machte seinen Master in Kopenhagen. Hartwig schlug sich schon während seiner Hochschulzeit in Köln die Nächte bei Techno-Parties um die Ohren. Heute spielt er von Hiphop über Metal bis Elektro „alles, was Spaß macht“. Er initiierte das Nebenprojekt von Enjuti, genannt Das Ende der Liebe, das um elektronische Tanzmusik kreist. „Dafür haben wir uns eine Menge digitaler Geräte gekauft, die wir nun auch bei Enjuti manchmal einsetzen, besonders wenn es um flächige Sounds geht“, erklärt Völk.

Von Anfang an war Andreas Völk wichtig, dass sich Enjuti als Band versteht. Die Interaktion des Kleeblatts ist längst ebenso essentiell für den Gesamtsound wie seine notierten Kompositionen. Sie basieren häufig auf relativ einfachen Melodien, um Zuhörern einen gewissen Halt zu geben. Der Band dienen diese wiederum als Sprungbrett für mal knappe, mal weitläufige Improvisationen. Auf der Bühne können Stücke ineinander fließen oder, gleich einer mysteriösen Lebensform, ihre Gestalt ändern. Oft verblüffen sie darüber hinaus durch extreme Dynamik, deren epische Entwicklung an den Geist der legendären Godspeed You! Black Emperor aus Montreal erinnert. Es ist diese Mischung aus Entschlossenheit, Konzentration und Geduld, die den Charakter Enjutis ausmacht. „Ich bin großer Fan davon, Stücke über einen längeren Zeitraum gemeinsam zu entwickeln“, erklärt Andreas Völk. Einer der Gründe, warum das Debütalbum erst jetzt erscheint. Schon vor zweieinhalb Jahren nahm die Band einen Anlauf im Studio, war damals aber unzufrieden mit dem Ergebnis und ließ die Produktion in der Schublade verschwinden. Das nennt man konsequentes Qualitätsbewusstsein.

„Unsere prinzipielle Aufgeschlossenheit führt vermutlich langsamer zum Ergebnis als der übliche Prozess, Stücke zu schreiben und diese zu üben“, vermutet Völk, „sie ist aber letztlich viel befriedigender.“ Neben gemeinsamen Überlegungen eint die Band auch das Gefühl, beim Spielen etwas zusammen zu erleben, darin abzutauchen und dieses Erlebnis wiederholen zu wollen. Das Publikum und seine Reaktion spielt dabei eine wichtige Rolle, obwohl Enjuti keine Erwartungen bedienen, sondern lieber überraschen möchten. Es geht um die Freiheit, auszuleben, wie man wirklich ist, natürlich ohne dabei den Rest der Welt zu ignorieren oder gar zu verletzen. Eine Art transzendierter kategorischer Imperativ. Mit ihrer Musik und Haltung treffen Enjuti, ohne es plakativ herauszustellen, eine klare Aussage gegen Konformismus.

Auch der Titel des aktuellen Albums, Schönheit durch Zerbrechlichkeit (Traumton Records) reflektiert Grundlegendes. „Ob in der Musik oder einem Gespräch,

interessant wird es, wenn man sich öffnet und die Masken fallen lässt“, findet Andreas Völk, „viele Dinge würden einfacher, wenn man Fehler und Ängste zugeben könnte, ohne das Gesicht zu verlieren – und wenn man sich selbst nicht so wichtig nehmen würde.“

Die Utopie einer gesellschaftlichen Öffnung muss sich dieser Tage gegen heftige Angriffe der Gegenwart verteidigen. Enjuti werden hingegen nicht müde, künstlerisch für eben diese Offenheit zu plädieren. Mit juveniler Courage und kreativer Dringlichkeit definieren sie durch ihre Stücke und Konzerte Freiräume, in denen man für eine gewisse Zeit vieles loslassen kann. Enjutis dynamischer, ungewöhnlicher Musik wohnt eine kathartische Kraft inne, die auch in den Grenzbereichen des zeitgenossischen Jazz und Rock selten ist.

www.enjuti.de

www.soundcloud.com/enjuti

https://www.facebook.com/enjutimusic