„Die schwarze Avantgarde ist im Rückgang begriffen.
Nach zehn Jahren wollen die Leute in Paris langsam
wieder etwas anderes sehen. Selbst Rick Owens macht
schon ein paar Saisons nicht mehr ausschließlich in Schwarz.“

 

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Photo Credit © Bernd Ott


Jennifer Brachmann,
ZIRKEL + FADEN

interview,
uwe buschmann

JENNIFER BRACHMANN IST BRACHMANN. OLAF KRANZ AUCH. DAS EHEPAAR GRÜNDETE 2013 DAS LABEL BRACHMANN IN BERLIN, UM EINE EIGENE MODELINIE FÜR MÄNNER ZU KREIEREN. EIN DESIGN AUS DEM HAUSE BRACHMANN IST KLASSISCHE KLEIDUNG MIT BLICK-ZURÜCK-GARANTIE, WELCHE DURCH DEN BEZUG AUF DIE AKTUELLE KUNST UND POPKULTUR ZUR TRAGBAREN MODE FÜR JETZT WIRD. WEIL ES 100% ZEITLOS IN DER MODE NICHT GIBT.

 

Frau Brachmann, Sie sind studierte Architektin, entwerfen aber Mode. Auf den ersten Blick zwei völlig verschiedene Fachgebiete. Architektur ist in der Kreativität nicht völlig frei, es gibt z. B. die Statik, gesetzliche Bauvorschriften, klagende Nachbarn etc. Mode erscheint dagegen total uneingeschränkt. War Modedesign für Sie die logische Konsequenz nach Architektur?
   Aber ja. Doch die Mode kennt auch Einschränkungen. Mode und Architektur sind Designdisziplinen, die sich immer auf eine Nutzungssituation beziehen, die Einschränkungen vorgibt. Beide werden bestimmt von der Funktion, anders als die freie Kunst. Der Unterschied liegt im Medium der Gestaltung. Ideen lassen sich in der Mode viel schneller als fertiges Sample umsetzen. Die Architektur braucht Steine, Beton, Stahl, Holz, Glas etc., die Mode nur ein Stück Stoff. Ich merkte beim Architekturstudium, dass mir das Medium Stoff mehr entspricht.

Der Körper ist ja ein eher hügeliges Baugelände. Wie viel Architektur braucht ihr Modedesign?
   Ohne den Einfluss der Architektur, wäre meine Designsprache innerhalb der Mode nicht denkbar. Ich übertrage Entwurfsmethoden aus der Architektur, wie z. B. das Prinzip modularen Gestaltens, auf Stoff und Kleidung. Als Ausgangspunkt nutze ich die Klassiker der Männermode, um sie dann mit Hilfe von Modulbildungen zu hybridisieren und dadurch zu erneuern. Die Architektur passt sich ja den vorgefunden dreidimensionalen Gegebenheiten des Ortes an. Das Modedesign kreiert seine Produkte für einen dreidimensionalen Körper in Bewegung. Dreidimensionales Denken lernte ich durch die Architektur. Auch die Balance von Proportionen und Entwurfsmethoden. Heute hilft mir das beim Modedesign enorm. Die Architektur bleibt immer Inspirationsquelle.

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Photo Credit © Andreas Hofrichter


Das Label BRACHMANN hat sein Standbein in Berlin und nicht in der Provinz. Hat das Einfluss auf den kreativen Prozess? Oder dient die Berliner Luft eher der Bereicherung im Privatleben?
   Privat wohnte ich lieber in einer Stadt am Meer. Mit einem Gebirge im Hinterland, wie z. B. Genua, Beirut oder Vancouver. Der Standort Berlin hatte eher geschäftliche Gründe. Es gab die Vernetzung mit Freunden und anderen Kreativen. Meine Entwürfe fangen nicht den Spirit ein von Berlin City oder vom Berghain. In Sachen neue Klassiker sind Referenzen aus Mailand, Paris und London wichtiger. Trotzdem bietet Berlin mit seinen vielen Museen, Galerien und Events einen guten Zugang zur Gegenwartskunst. Die Stadt hat eine vibrierende Unruhe und Nervosität. Beeinflusst mich das? Keine Ahnung.

Sind Sie der Meinung, dass die Berliner, egal ob auf der Straße oder bei gehobener Abendgesellschaft, gut angezogen sind?
   In einer vollen S-Bahn habe ich manchmal das Gefühl, auf einer Vêtements-Show zu sein. Bei gehobenen Gelegenheiten legen die Leute mehr Wert auf ihr Äußeres, auch bei Partys und in Clubs. In Berlin Mitte zur Mittagszeit sieht man vermehrt Förmliches. Und dann sieht man hin und wieder alte Schule, vor allem in Charlottenburg.

Was ist der kleinste Nenner, der jedem Stück Kleidung gemeinsam ist, welches aus dem Hause BRACHMANN kommt?
   Es ist die minimalistisch-architekturale Anmutung, wo der Fokus auf innovativen Details bei gleichzeitiger Betonung klassischer Werte wie Verarbeitung, Stoffqualität, Passform und Tragekomfort liegt.

„I have been 40 years discovering that the queen of all colors is black.“ Diese Erkenntnis, kam dem Maler Pierre-Auguste Renoir ca. 1881. Und sämtliche große Modedesigner der letzten Jahrzehnte haben sie mit der Muttermilch aufgesogen. Hat die Modewelt eine Allergie gegen Farben?
   Absolut nicht! Raf Simons, Kris van Assche, Dries van Noten, Hedi Slimane etc. verzichten nicht auf Farben. Es gibt in der Mode nicht mehr diesen einen Trend, dem alle folgen. Es gibt einen ganzen Schwarm gleichzeitiger, sehr unterschiedlicher Trends. So dass sich schwarze Kleidung friedlich neben der Gucciesken „More Is More“ Bewegung wieder findet. Gerade jetzt gibt es die Hinwendung zu Farbe und aufwändig bedruckten, bestickten oder anders bearbeiteten Stoffen. Die schwarze Avantgarde ist im Rückgang begriffen. Nach zehn Jahren wollen die Leute in Paris langsam wieder etwas anderes sehen. Selbst Rick Owens macht schon ein paar Saisons nicht mehr ausschließlich in Schwarz.

Bauhausdesign ist etwas, was Ihre Entwürfe beeinflusst. Der Brasilianer Oscar Niemeyer, eine Legende der modernen Architektur, sagte mal: „I hate Bauhaus, it was a paradise of mediocre. I abhor this orthodox functionalism, which claims that function is a beautiful thing in itself.“. Was würden Sie Ihm darauf gerne entgegnen?
   Das Zitat überrascht mich! Ich habe Niemeyer nie so weit vom Bauhaus entfernt wahrgenommen. Für mich sind sie beide Ausdruck desselben Zeitgeistes. Mit einer noch weitgehend unverstellten Hoffnung, die Zukunft planvoll und fortschrittlich gestalten zu können. Okay, Niemeyer ist mehr von Le Corbusier geprägt. Verwirklicht eher organische Formen als die Bauhäusler. Meiner Meinung nach soll man zwischen Geschmack und Design unterscheiden. Und immer vom professionellen Standpunkt urteilen. Mir gefällt zwar mancher Stil nicht, doch er kann gut gestaltet sein. Es gab im Bauhaus sehr viele, sehr gute Sachen, ikonische Arbeiten, die heute noch als absolut zeitloses Design gelten. Aber es gab auch sehr viele mittelmäßige Werke. Wenn sich eine Avantgarde durchsetzt, bleibt das nicht aus. Das Bauhaus bevorzugte die klare, minimalistische Linie, frei von Ornamenten, damit die Konstruktionsprinzipien sichtbar wurden. Oscar Niemeyer musste stärker Wert auf die großen Gesten legen, um die Prestige- und Repräsentationsfunktion vieler seiner Bauten zu bedienen.

Zum Thema Anzüge für Männer sagen Sie: „For a modern Don Draper role“. Don Draper, Hauptfigur der amerikanischen TV-Serie Mad Men, genialer Werbetexter, Trinker und beziehungsunfähig was Frauen betrifft. Eine Mischung aus Harald Juhnke und F. Scott Fitzgerald. Ist es der Vibe aus Sex, Drugs & Genie, den hochklassige Anzugmode von heute braucht?
   Unbedingt. Mode sucht sich immer den zeitgemäßen Ausdruck für Attraktivität, Genuss, Lebensfreude und Kreativität.

Neben Ihrer Männerkollektion sind Sie auch noch mit Entwürfen für Frauen beschäftigt! Gibt es da kreativ einen unterschiedlichen Ansatz?
   Der Ansatz ist ähnlich, doch es geht nicht um Unisex, sondern um die Anerkennung der Geschlechterdifferenz innerhalb derselben Formsprache und Ästhetik. Wir wollen die Ästhetik unserer Menswear-Kollektion, also die Konstruiertheit, Herbheit und Architekturnähe, den Frauen erschließen. Das heißt, wir müssen die eher kantigen Entwürfe für die Männer an die weicheren und rundlicheren weiblichen Körperformen anpassen, und dies alles, ohne deren charakterisierenden Eigenschaften zu verlieren.

Man sieht sich im Leben immer zweimal. Das soll ja nicht nur für die Begegnung zwischen Menschen gelten, sondern auch für Trends. Es kann also passieren, dass nach langen Jahren beim Wiedersehen beide Personen wieder ähnlich gekleidet zusammenkommen. Weil es wieder Mode ist. Lässt sich Mode überhaupt noch neu erfinden? Würde das überhaupt einen Sinn haben?
   Das kann natürlich passieren. Auf Fotos könnte man es jedoch sehen, wann die Kleidung gemacht wurde. Mode heißt ja erst einmal nur, dass man mit einem Wandel rechnet, dem dann viele folgen. Dem man sich selbst gerne anpasst, weil er so attraktiv und überzeugend ist. Der Wandel muss aber gar nicht komplett Neues beinhalten, er kann auch die Wiederkunft vom Dagewesenen sein. Das sollte jedoch in einer zeitgemäßen Interpretation geschehen, da es andernfalls für die Leute schlichtweg nicht attraktiv ist, es wäre lediglich Kostüm. Ich möchte gern die klassische Formsprache in dem Sinn modernisieren, dass ich neue Details, Hybride etc. erschaffe, die aber dennoch im Klassischen verankert sind und bleiben.

Die Mode spielt ja heute bereits für Kinderbeine eine sehr wichtige Rolle. Man hört immer wieder Schauergeschichten, die sich auf Schulhöfen abspielen, wo Neid auf gewisse Markenkleidung zur Gewalt führt. Wären Sie für eine Schuluniform?
   Das ist schwierig! Eher eine Frage für Pädagogen! Auch eine Schuluniform könnte ja Anlass für Gewalt sein. Wenn beispielsweise die verschiedenen Schulformen jeweils unterschiedliche Schuluniformen hätten. Kleidung ist halt auch immer ein Code. Wie andere Statusgüter übrigens auch, Technik z.B.. Sie dienen zur individuellen Statusabgrenzung, aber auch als Marker einer Gruppenzugehörigkeit. Falls die Schuluniform bei uns kommt, würde es mich durchaus reizen, eine solche zu designen.

BRACHMANN EXPLORER AW1718

Photo Credit © Thies Streifinger


Wen würden Sie gerne einkleiden?
   Matthew David McConaughey und Michael Fassbender bei den Männern. PJ Harvey und Tilda Swinton bei den Frauen.

Influencer, das sind meist junge Menschen, die Meinungsführer und Multiplikatoren im Social Web sind. Die als Blogger oder via Instagram z. B. mitteilen, was sie heute schönes anziehen und von welchem Label es stammt. Das soll sich auch die Modebranche einiges kosten lassen. Weil es den Verkauf fördert. Sind das Wege des Marketings, derer Sie sich bedienen würden?
   Das haben wir schon. Die Digitalisierung bewirkt in der Modebranche einen sehr tiefgreifenden Strukturwandel. Niemand hat das bis heute vollkommen begriffen. Influencer sind ein Aspekt davon. Unser Label BRACHMANN hat selbst schon mit Influencern zusammen gearbeitet. Beispielsweise bei unserer Präsentation der Explorer-Kollektion A/W 2017/18 auf der Mercedes-Benz Fashion Week. Da haben eine Reihe von Instagram- und You Tube-Influencern gemodelt. Uns ist wichtig, dass die Kooperation auf einer Basis des gegenseitigen Gefallens, der Sympathie und Unterstützung beruht. Die Influencer konnten so die andere Seite der Show erleben. Daher kam ihre Motivation, nicht durch Geld. Der digitale Wandel ist Risiko, aber auch Chance. Neue Labels können so das laute Grundrauschen der großen Marken und des Mode-Establishments durchbrechen.

Wie sähe eine ideale Werbung für das Label BRACHMANN aus?
   Eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda zufriedener Kunden und Kundinnen. Aber auch viral gehende Lookbook-Shoots und Fashionfilme, gerne auch unterstützt durch Influencer.